| Kriegstagebuch April 1944 | |
| 3.4.1944 | KTB 9.Armee. Das Winterwetter hält an. Die Verwehungen haben infolge des anhaltenden Schneesturms ein derartiges Ausmaß angenommen, daß die meisten Wege trotz Einsatz von Schneepflügen jetzt selbst für Kettenfahrzeuge nur noch bedingt befahrbar sind. Vom AOK wird darauf hin die Verschiebung des Unternehmens "Auerhahn" angeordnet da es unter diesen Umständen nur mit größten Schwierigkeiten und wohl auch nur unvollständig durchgeführt werden könnte. Dem XXXXI.Pz.K. wird jedoch befohlen, durch Winterbeweglichmachung der Verbände den neuen Anfangstermin mögliche frühzeitig zu legen, da die Wegeschwierigkeiten naturgemäß auch die Bewegungen der Banden behindern werden (s.Anl. IV 1). Die Front verzeichnet heute außer einer etwas regeren Aufklärungstätigkeit des Feindes wieder keine besonderen Kampfhandlangen. Beim XXXXI.Pz.K. ist heute der erste Transportzug des für die 129.I D. bestimmten Feld-Ausb.-Rgts. eingetroffen. Die weiteren Transporte, auch der anderen beiden Regimenter, sind für die kommenden Tage angekündigt. In den vergangenen Großkämpfen hat der Mangel an Reserven immer wieder dazu gezwungen, Pioniereinheiten infanteristisch einzusetzen; dem dadurch bedingten Absinken ihrer Stärken stand jedoch nur eine unverhältnismäßig geringe Zuführung an Pionierersatz gegenüber. Im Hinblick darauf, daß vorläufig mit weiteren ausgebildetem Pionierersatz nicht zu rechnen ist, die Wichtigkeit der Pioniereinheiten aber gerade unter den besonderen Bedingungen des Ostkrieges ihre volle Einsatzfähigkeit erfordert, wird den Divisionen jetzt befohlen, durch Heranziehen geeigneter Soldaten aus allen Waffengattungen und Einrichtung von Pionierausbildungslehrgängen ihre Pionierbataillone selbst wieder auf mindestens 80 % der Sollstärke aufzufüllen (s.Anl. VII 1). |
| 11.4.1944 | KTB 9.Armee. Beim Unternehmen "Auerhahn" sind die Banden durch weitere Verengung des Kessels nunmehr auf der Waldinsel südwestlich Starossek zusammengedrängt worden. Der Widerstand des inbesondere auf dem Süd- und Südwestteil der Insel befindlichen Feindes hat sich versteift. Nach Gefangenenaussagen haben die Banditen Befehl, sich in kleinen Gruppen von 2-3 Mann durch die deutschen Linien durchzuschlagen. Erhöhte Aufmerksamkeit und größtmögliche Verdichtung der Sperrfronten wird erforderlich sein, um dieses Vorhaben zu verhindern, das durch das unwegsame Gelände begünstigt wird. Für morgen ist beabsichtigt, unter starker Abschirmung im Westen die Insel von Osten her durchzukämmen. Die Front verzeichnet bei zeitweise lebhafterer feindlicher Artillerietätigkeit in Abschnitt der 110.I.D. und 45.I.D. wieder keine Kampfhandlungen von Bedeutung. Nachdem das zur 129.I.D. tretende F.A.Rgt. sich schon seit einigen Tagen bei seiner Division befindet und bereits zur Abschirmung der Südfront beim Unternehmen "Auerhahn" eingesetzt worden ist, ist das für die 134.I.D. bestimmte F.A.Rgt. nunmehr ebenfalls mit allen Teilen eingetroffen. Damit rückt der Termin zur Abgabe der 20.Pz.Div. (zu der ein Befehl bisher noch nicht vorliegt), allmählich näher. Das Gen.Kdo.LV.A.K., dem vorgestern die Vorlage eines Zeitplans für die Herauslösung der noch in der Front befindlichen Teile der Division aufgegeben worden ist (Ia/Ia LV, 9.4.44, 23.00 Uhr), stellt dazu heute den Antrag, bei der Heeresgruppe die Übernahme eines Abschnitts seiner Front durch die 4.Arrmee zu erwirken, da es sonst unvermeidlich sein werde, die neue Grenze zwischen der 296. und 134.I.D. mitten durch den feindlichen Drut-Brückenkopf zu legen, was vom Gesichtspunkt einer einheitlichen Kampfführung in diesem Abschnitt zweifellos ungünstig wäre (Chef LV/Ia, 10.50 Uhr). |
| 14.4.1944 | KTB 9.Armee. Bei weiterer Säuberung des "Auerhahn"=Kessels werden zahlreiche kleinere Bandengruppen gestellt und vernichtet, eine weitere Anzahl von Zivilisten aufgegriffen und größere Mengen an Vieh , landwirtschaftlichen Vorräten, Waffen und Munition sichergestellt . Das Unternehmen nähert sich damit seinem Abschluß; das Bandenzentrum um Albinsk kann schon jetzt als im wesentlichen zerschlagen angesehen werden. Genaue Erfolgsmeldung steht noch aus. Inzwischen hat jedoch die Aktivität der im Raum nördlich Ossipowitschi - Marini Gorka befindlichen Banden erheblich zugenommen. Nachdem dort schon in der Nacht vom 12./13.4. zwei Ortschaften angegriffen und niedergebrannt worden sind, haben die Banden in der vergangenen Nacht eines der nordostw. Marina Gorka gelegenen Wehrdörfer (d.s. Ansiedlungen von OD-Leuten mit ihren Familien) überfallen. Da die Erhaltung der erst seit einiger Zeit im Aufbau begriffenen Wehrdörfer nicht zuletzt eine Frage von propagandistischer Bedeutung ist, wird vom AOK die beschleunigte Durchführung eines Bandenunternehmens in diesem Raum befohlen. Es soll - unter Leitung des Korück - sogleich nach Abschluß des Unternehmens "Auerhahn" und unter Einsatz des dort beteiligt gewesenen Sturm-Rgts. der AWS, verstärkt durch Teile der 20.Pz.Div. und weiterer Reserven aus dem Bereich des LV. A.K. durchgeführt werden, während andere Teile der beim Unternehmen "Auerhahn" eingesetzten Kräfte den Auftrag erhalten, anschließend die Bahnlinie Wittschiny - Uretschje freizukämpfen (s.Anl. IV 1, 2, 3, 4). Für das Unternehmen bei Marina Gorka erbittet das AOK eine Beteiligung von Kräften der 4.Armee (Chef/Chef H.Gr., 20.00 Uhr), um zu verhindern, daß - wie beim Unternehmen "Winnetou" - die Banden lediglich abgedrängt, nicht aber vernichtet werden. An der Front ist der Tag wieder ruhig verlaufen. Vor dem rechten Armeeflügel zeichnet sich jetzt allmählich eine gleichmäßige Verteidigungsgliederung auf der Feindseite ab: bei der 129.I.D. ist durch einen Überläufer ein sowjetisches MG-Art.-Btl.festgestellt worden, also eine jener Formationen, die der Gegner nur dort einzusetzen pflegt, wo er keine Angriffsabsichten hat. Bei unverändertem Feindbild in den bisherigen Schwerpunkten sind im ganzen gesehen aus dem frontnahen Verhalten des Feindes Vorbereitungen für nahe bevorstehende größere Angriffsoperationen nicht zu erkennen, die ohnehin bei den derzeitigen Geländebedingungen nahezu unmöglich sein dürften. Mit örtlichen Vorstößen muß jedoch weiterhin gerechnet werden; denn nach übereinstimmenden Gefangenenaussagen bemüht sich der Feind nach wie vor, die Kräftegliederung der deutschen Front lückenlos aufzuklären. |
| 25.4.1944 | KTB 9.Armee. Im Hinblick auf die fortdauernde feindliche Unruhe an der Pripjet-Front (LV. A.K.), wo es heute wieder zu örtlichen Gefechten gekommen ist, wird dem Gen.Kdo.LV.A.K. befohlen, sein Reservebataillon im Raum Petrikoff alarmbereit zu halten; darüber hinaus ist beabsichtigt, dem Korps einige Tage nach Abschluß des Unternehmens "Moorexpreß" ein Btl. der 129.I.D. als Verstärkung (Chef/Chef LV, 22.50 Uhr; s.Anl. IV 2) zuzuführen. Ferner erhält das XXXXI.Pz.K. Befehl, die 3./Sturmgesch.Brig.244 im E-Transport zum LV.A.K. zu verschieben, wobei allerdings durch Belassung der sS - Wagen am Ausladebahnhof Muljarowka die Möglichkeit einer schnellen Rückverlegung sichergestellt bleiben soll (Chef/ Chef XXXXI., 23.05 Uhr; s.Anl. IV 1). Es handelt sich bei diesen Befehlen, da die Ergebnisse der bisherigen Erdaufklärung und auch die Geländeverhältnisse gegen die Wahrscheinlichkeit eines stärkeren Feindvorstoßes sprechen, lediglich um Vorsichtsmaßnahmen, die das AOK für notwendig hält, um jede Überraschung auszuschliessen. Von der Heeresgruppe geht die Antwort auf die vorgestern vom AOK gegen die Abgabe einer weiteren Division erhobenen Bedenken ein (s.Anl. V 1). Der Feldmarschall betont darin, daß er sich des Risikos voll bewußt sei, das man mit der Dehnung der Ostfront zugunsten des bedrohten rechten Flügels eingehe. Dieses Risiko müsse jedoch in Kauf genommen werden, um die Forderung des Führers, die jetzigen Stellungen unbedingt zu halten, zu erfüllen. Er müsse deshalb auch im Gründe auf der Herauslösung einer weiteren Inf.-Div. bestehen, diese Division solle jedoch im frontnahen Bereich der Armee als Armeereserve verbleiben, und ihre Verlegung werde nur bei einer weiteren erheblichen Abziehung von Feindkräften vor der Front der 9.Armee in Frage kommen. Überdies sei mit einer Abgabe der 20.Pz.Div in allernächster Zeit nicht zu rechnen, und er sei deshalb damit einverstanden, wenn die z.Zt. eingesetzten Teile dieser Division vorläufig noch in der Front verblieben. Mit dem Herauslösen der Inf.Div. allerdings müsse so begonnen werden, daß bis Anfang Mai wenigstens eine Regimentsgruppe verfügbar sei. -Der OB wird sich voraussichtlich für die Herauslösung der 36. oder 45. I.D. entscheiden (OB/Chef, 23.50 Uhr). Das Unternehmen "Moorexpreß" hat in den Morgenstunden begonnen. Die Bildung des Einschließungsrings und seine Verengung erfolgen zwar planmäßig, es scheint jedoch, als ob wenigstens Teile der Bänden bereits nach Westen ausgewichen seien. Ausbruchsversuche der eingeschlossenen Banditen werden abgeschlagen. |
| 30.4.1944 | KTB 9.Armee. Die gestern angesetzte Jagd auf die Banden nordostwärts Bobruisk ist leider ergebnislos verlaufen. Dafür beginnt heute das XXXV.A.K. mit dem Unternehmen "Maiglöckchen", das der s.Zt. beim Unternehmen "Winietou" nach Norden ausgewichenen und später wieder in den Raum um Gorodez zurückgekehrten Bandengruppe gilt. Das von Korück angelegte große Unternehmen "Wirbelwind" im Raum-Marina-Gorka läuft heute ebenfalls an. Das Unternehmen "Moorexpreß" (Freikämpfen der geplanten Bahnlinie Staruschki -Uretschje) hat leider nicht den erhofften Erfolg gehabt, da die vorhandenen eigenen Kräfte zu gering waren, um die Banditen einzukesseln; sie sind zwar teilweise vernichtet, mit der Masse jedoch lediglich nach Westen abgedrängt worden, so daß mit einer nachhaltigen Wirkung der Aktion kaum gerechnet werden kann. An der Front ist die feindliche Luftaufklärung über dem XXXXI.Pz.K. und auch über dem linken Flügel des XXXV.A.K. wieder sehr rege; es kommt auch zu vereinzelten Bombenwürfen. Lebhaftere Bewegungen des Gegners im frontnahen Raum meldet das XXXV.A.K. von der Front zwischen Beresina and Dnjepr; man rechnet hier mit der Möglichkeit von feindlichen Erkundungsvorstößen in den nächsten Tagen. Im übrigen dürften die Bewegungen im feindlichen Hintergelände als Ablösungen oder örtliche Umgruppierungen zu erklären sein. Nach Eingliederung je eines Feld-Ausb.-Rgts. in der 129.I.D. und 134.I.D. ist nunmehr auch die geschlossene Eingliederung des F.A.R.637 als G.R.130 in die 45.I.D. erfolgt (s.Anl. V 1). überraschend und hart trifft die Armee der im Laufe des Nachmittags bekannt werdende Befehl, daß der OB, Generaloberst Harpe, auf persönlich in Befehl des Führers den Oberbefehl über die 1.Panzerarmee (Heeresgruppe Nordukraine) übernehmen wird, um an die Stelle des am 21.4. tödlich verunglückten Generalobersten Hube zu treten. Der OB wird am 2.5. die Armee verlassen, die er seit dem 4.11.43 führte. Auf dem heutigen Abschiedsabend aller Offiziere und Beamten des Oberkommandos würdigt Generalleutnant Lindig (Harko) die Verdienste und mit den Namen Orel, Ssosh, Beresina verknüpften Waffentaten des OB, der bereits als Kommandierender General des XXXXI. Pz.K. zu dem Ruhm der 9.Armee in hohem Maße beigetragen hat. Generalleutnant Lindig überreicht dem OB den Ring der 9.Armee. Oberstleutnant i.G. Ulms versichert für den abwesenden Chef des Generalstabes, daß "Truppe und Oberkommando traurig im wahrsten Sinne des Wortes" ihren bewährten und verehrten Oberbefehlshaber scheiden sehen, aber auch stolz sind auf seine in die Zukunft weisende Berufung an die Spitze einer Armee, die im Brennpunkt der gegenwärtigen und zukünftigen Kämpfe an der Ostfront steht. |
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