129.Infanteriedivision
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Kriegstagebuch Juli 1944
6.7.1944
KTB 9.Armee.
Der Feind setzt in den erwarteten beiden Schwerpunkten zum umfassenden Angriff auf Baranowicze an.
Der Vereinigungsangriff der 28.Jäg.Div. und 12.Pz.Div. westlich der Usza gelingt nicht mehr. Die 28.Jäg.Div. muß nach erneutem Antreten gegen starke Feindangriffe nördl.
Jurewicze zur Verteidigung übergehen. Auch der von Burdziewicze nach Süden weitergeführte Angriff der 12.Pz.Div. (s.Anl.III 3) bleibt hängen. Der Gegner, der die
Usza-Brücken wiederhergestellt hat, bricht weiter durch und stößt mit stärkeren mot.Kräften, darunter Panzer, über Cyryn auf Horodyscze vor (s.Anl.III 17).
Im südlichen Gruppenabschnitt trifft die Angriffsgruppe der l.kgl.ung.K.D., die befehlsgemäß zum Vereinigungsangriff mit der 292.I.D. angetreten ist, auf einen feindlichen
Angriff und wird zurückgeworfen. Im Nachstoß erzielt der Gegner mehrere Einbrüche beiderseits der Rollbahn, woraufhin die Ungarn zum zweiten Mal versagen. Ihr Kommandeur
meldet, die Division habe keinerlei Kampfkraft mehr (Generallt.Harteneck/Chef, 11,55 Uhr). Schuld daran ist, abgesehen von der mangelnden Einsatzbereitschaft ihrer Offiziere,
zum erheblichen Teil die Tatsache, daß die Versorgungstruppen der Division vorgestern bis zu 90 km weit nach Westen geflüchtet sind und infolgedessen die Überbrückung
zwischen dem ung.Mun.Lager in Lesna und der Truppe nicht hergestellt werden konnte, sodass diese unter starkem Mun.-Mangel leidet. Die ung.Artillerie hat sich verschossen.
Die Gruppe Harteneck hat bereits mit Transportraum ausgeholfen, es tritt auch eine vorübergehende Besserung der Lage ein -trotzdem zeigt der erneute Zusammenbruch der
ung.Front, daß von ihr eine ernsthafte Widerstandsfähigkeit auf die Dauer nicht erwartet werden kann. Das ist umso bedauerlicher, als auch der Angriff der 292.I.D., der auf
schmalem Raum, längs der Bannlinie geführt werden muß, nicht durchgeschlagen hat. Das AOK 2 hat deshalb die Einstellung des Vereinigungsangriffs befohlen und statt dessen die
Zuführung der 129.I.D., die südlich Hancewicze steht, zur Gruppe von Vormann angeordnet. Ihr Antransport muß allerdings südlich
ausholend über Luniniec - Kobryn erfolgen, sodass mit dem Eintreffen der ersten Teile nicht vor einigen Tagen gerechnet werden kann. Da es höchst fraglich erscheint, ob die
Ungarn die ostwärtige Szczara-Linie bis dahin halten werden, begrüßt die Gruppe von Vormann die Mitteilung des AOK 2, daß vom OKH die Genehmigung zum weiteren Absetzen der
Front erteilt worden sei, wenn auch unter der Bedingung, daß Baranowicze,weiterhin Fester Platz, nicht aufgegeben werden dürfe.
Im Hinblick auf die gespannte Lage an beiden Flügeln entschließt sich daraufhin der OB, die HKL beiderseits Baranowicze zurückzunehmen. Als neue Abwehrfront ist im
Südabschnitt die Linie Myszanka=Abschnitt bis Rogoznica - Litwa - ostwärtigrr Szczara=Abschnitt vorgesehen, wobei der Feste Platz Baranowicze zur Sicherstellung einer
einheitlichen Kampfführung in der Brückenkopfstellung der Gruppe Harteneck unterstellt wird (s.Anl.IV 12 u. 30). Seine im Abschnitt nordostw. der Stadt eingesetzten Kräfte
treten zur 4.Pz.Div. (s.Anl.III 16). Die 4.Pz.Div. hat Befehl, im Zuge ihrer Absetzbewegung auf die Szczara eine verst.Rgt.-Gruppe herauszulösen, die hinter der
kgl.l.ung.K.D. als Eingreifreserve der Armee bereitgestellt werden soll (s.Anl.IV 8). Für den Festen Platz Baranowicze selbst ist beschleunigte Durchführung der Räumung
angeordnet; mit der Zerstörung der kriegswichtigen Anlagen wird ab morgen früh begonnen werden (s.Anl.IV 30 und 23). In einem Gespräch mit dem OB der 2.Armee wirft der OB
noch einmal die Frage des Festen Platzes Baranowicze auf, wobei er darauf hinweist, daß der Feste Platz nahezu über keine Besatzungskräfte verfüge (OB/OB 2, 22,55 Uhr).
Er erhält zur Antwort, daß die Aufhebung der Eigenschaft "Fester Platz" beantragt, ein Entscheid jedoch noch nicht gefallen sei.
Am Nordflügel der Gruppe, die sich auf den Sserwecz=Abschnitt absetzen soll, wo morgen der Südflügel der Gruppe Weidling (linker Nachbar der Gruppe v.Vormann) stehen wird,
ist ein fatales Ausweichen teils wegen des feindl. Durchbruchs, teils aus Geländegründen nicht möglich. Die 28.Jäg. Div. hat den nach Südosten vorgehenden Feind bei Bartniki
aufgefangen., wird also ihre Absetzbewegung (s.Anl.IV 9) nur südlich ausholend durchführen. können. In Abschnitt der 12.Pz.Div. sind einerseits die unmittelbar nach Westen
führenden Straßen außerordentlich ungünstig für die Bewegung eines mot. Verbandes, andererseits würde, da der Feind bereits über Cyryn hinaus vorgedrungen ist, ein einfaches
Absetzen auf den Sserwez-Abschnitt die Durchbruchsgefahr bei Horodyscze nicht beseitigen, da der Feind sie bereits überholt hat. Die 12.Pz.Div. erhält deshalb Befehl, ihren
Angriff auf Cyryn mit Beginn der Dunkelheit abzubrechen und über Nowogrodek ausholend von Nordwesten her auf Horodyscze anzutreten. Dort soll sie sich mit der von Südosten
her angreifenden 28.Jäg.Div. vereinigen (s.Anl.IV 15) und anschließend ihre Front weiter nach Osten bis zum Sserwez=Abschnitt vordrücken (s.Anl.IV 10). Das letzte
eintreffende Bataillon der 28.Jäg.Div. wird bereits nordwestlich Baranowicze ausladen, um von dort aus unmittelbar auf Horodyscze angesetzt zu werden (s.Anl.IV 27).
Am späten Abend kommt es im Südabschnitt zu einer neuen Krise. Die Gruppe Harteneck meldet, die Front der Ungarn sei nunmehr endgültig zusammengebrochen. Da auch die
4.Kav.Brig. in schwerem Kampf stehe, sei das Gelingen der Absetzbewegung fraglich. Um der Gefahr eines feindlichen Durchbruchs am Südflügel, vor allem wegen der damit
verbundenen Bedrohung der von Baranowicze nach Südwesten führenden Bahnstrecke, auf der die 129.I.D. ankommen wird, vorzubeugen., sieht sich der OB gezwungen, die
unverzügliche Inmarschsetzung der verst.Rgt.-Gruppe der 4.Pz.Div. in den Abschnitt der Ungarn, also schon vor Beendigung der Absetzbewegung der 4.Pz.Div.,anzuordnen
(s.Anl. IV 24).
Die Gruppe von Vormann ist bereits gestern vom AOK 2 benachrichtigt worden, daß sie mit der Zuführung des bei der 2.Armee freigewordenen Gen.Kdo.LV.A.K. rechnen könne.
Komm.Gen. und Chef des Gen.Stabes treffen heute im H.Qu, ein, der
Stab selbst wird moren erwartet. Es ist geplant, das Gen.Kdo. am Nordflügel der Gruppe einzusetzen, wo zur Zeit die 4.Pz.Div., 28.Jäg.Div. und 12.Pz.Div. noch unmittelbar
geführt werden müssen.
7.7.1944
KTB 9.Armee.
Die Absetzbewegung während der Nacht vollzieht sich unter erheblichem Feinddruck.
Im Nordabschnitt hat sich die 28.Jäg.Div. hinter das Sumpfgelände ostw. Koldyczewo zurückgekämpft. Seitdem steht sie in schwerem Abwehrkampf; es gelingt ihr jedoch, alle
feindlichen Angriffe abzuschlagen. Die 12.Pz.Div. hat ihre Umgruppierung beendet und ist von Nowogrodek aus im Vorgehen nach Osten und Südosten. Die Verbindung zur
28.Jäg.Div. wird gegen mittag nördlich Horodyscze hergestellt.
Schwieriger entwickelt sich die Lage in Südabschnitt, Hier greift der Feind auf breiter Front mit Schwerpunkt an der Rollbahn sowie südostw. Baranowicze an. Die südostw.der
Stadt kämpfenden Truppenteile der 4.K.D. und des Festen Platzes werden trotz tapferer Gegenwehr aus der Brückenkopfstellung geworfen, sodass auch die Front der 4.Pz.Div.
näher an die Stadt herangenommen werden muß (s.Anl.IV 21). Die Front der Ungarn, an deren Nordflügel Ucios verloren geht und wo die in der Nacht nach Süden gezogene
Rgts.-Gruppe der 4.Pz.Div. bereits zum Gegenangriff gegen 2 - 3 km tiefe Einbrüche hat eingesetzt werden müssen, bricht zum dritten Mal. Ein Husaren-Rgt. flüchtet bis nach
Slonim.
Beiderseits der Rollbahn stößt der Feind tief in das HKF und steht vor Milowidy (s.Anl.II und III).
Am Nachmittag trifft die Meldung ein, der Feind stehe bereits vor Beresowka und drohe die Rollbahn Baranowicze -Slonim zu sperren. Erfreulicherweise stellt sich diese
Nachricht, auf die hin das Kommando der Gruppe sofort Slonim alarmiert und alle dort noch greifbaren Einheiten zum Schutz der Straße vorgeworfen hat, als Falschmeldung heraus,
sie stammt offenbar aus ungarischer Quelle (vgl.IV 16, 22, 23). Darnach kam kein Zweifel daran bestehen, daß mit einem Weiterstoß des Feindes zur Unterbrechung dieser
Hauptverkehrsstraße binnen kurzem gerechnet werden muß. Sie liegt schon jetzt unter laufenden feindlichen Luftwaffenangriffen.
Die Frage Baranowicze wird damit von Stunde zu Stunde brennender. Ein Befehl, der der Stadt die Eigenschaft des Festen Platzes nimmt, ist immer noch nicht ergangen. Aber auch
die Heeresgruppe und das AOK 2 sind der Auffassung, daß eine Aufrechterhaltung der bisherigen Bestimmung und ein Einschließenlassen nicht in Frage kommen könne
(s.Anl. X: 6,7.; OB/OB 2, 22.05 Uhr; 7.7.: O.B./Chef H.Gr.,l0,40 Uhr). Das Zurückdrängen der beiden Gruppenflügel hat bereits jetzt schon wieder zur Folge, daß das Halten der
Stadt weniger die feindlichen als eigene Kräfte bindet (s.Anl. III14),und zu einem längeren Ausharren im Falle einer etwa erfolgenden Einschließung ist die vorhandene
Besatzung unter keinen Umständen im Stande.
Die Anordnungen, die der OB in dieser Lage trifft, gehen davon aus, daß es für die Gruppe in erster Linie darauf ankommt, ihren Südflügel zu stützen. Mit den Ungarn ist nicht
mehr zu rechnen, obwohl durch sofortige Entsendung deutscher Offiziere versucht werden soll, wenigstens die kampfwilligen Mannschaften im Einsatz zu halten. Er entschließt
sich deshalb, die gesamte 4.Pz.Div.zum Auffangen des drohenden Feinddurchbruches auf die Straße schnellstens in den Abschnitt der Gruppe Harteneck zu ziehen, wo sie solange
bleiben soll, bis die 129.I.D. eingetroffen ist (s.Anl. IV 33, ferner s.Anl. VIII 1 - 3). Die Division erhält deshalb den Befehl, sofort nach Lesna - Berezowka umzugruppieren
(s.Anl.IV 22) und nur schwache Teile im bisherigen Abschnitt zur Aufrechterhaltung der Verbindung zwischen den inneren Flügeln der Gruppe Harteneck und der 28.Jäg.Div. zu
belassen (s.Anl.IV 28). Sie wird hierzu vorübergehend der Gruppe Harteneck unterstellt. Zur Kampfführung im Raum Baranowicze ordnet der OB an, vor allem die Flanke der
Stadtfront stark zu machen, um eine Einschließung auf jeden Fall zu verhindern. Da unter diesen Umständen eher mit einem Feindeinbruch von Osten als von Südosten her gerechnet
werden muß, ergehen schon jetzt Befehle zur raschen Beendigung der materiellen Räumung und Zerstörung, insbesondere der Bahnhofsanlagen (s.Anl.IV 2, 3, 6, 7, 8, 37). Sollte
Baranowicze vom Feind gestürmt werden, so kommt ein Neuaufbau der Verteidigung nur in der Linie Sielze - Milowidy - Myszanka - Nowa Mysz-Piotrowicze - Bujnewicze in Frage
(s.Anl.IV 21 u. 25). Zur Steuerung, des Verbindunghaltens zwischen der 28.Jäg.Div. und 4.Pz.Div. wird das Gen.Kdo.LV.A.K. schon ab heute Nacht 00.00 Uhr den Befehl über beide
Divisionen. übernehmen.
Im Laufe des späten Abends bricht die Ostfront von Baranowicze. Die Stadt brennt. Den um l,40 Uhr (8.7.) von der Heeresgruppe übermittelten Befehl, sie sei ab sofort nicht
mehr Fester Platz, sondern Ortsstützpunkt (s.Anl.V 6), haben damit bereits die Tatsachen überholt.
8.7.1944
KTB 9.Armee.
Pausenlos drängt der Feind nach. Er versucht durch rücksichtslose Fortsetzung seiner Angriffe ein Setzen der deutschen Abwehr zu verhindern, um die Gruppenfront noch vor
Erreichen des westlich Szczara=Abschnitts zu zertrümmern. Tiefe Durchbrüche der beiden feindlichen Stoßgruppen südlich und nördlich Baranowicze geben der Gesamtlage das Gepräge.
Die eigene Truppe, erschöpft durch, die tagelangen schweren Kämpfe in drückender Sommerhitze, ringt zäh und verbissen um jeden Kilometer Boden, um den Feind möglichst lange
vorwärts der Szczara aufzuhalten.
Über den Kampfverlauf im einzelnen siehe Anl. II, III und X. Im großen gesehen ergibt sich folgendes Bild: Der mit überlegenen Kräften angreifende Feind umfaßt den Südflügel
des K.K.Harteneck, nimmt Lesna stößt bis zur Straße Baranowicze - Slonim bei Berezowka vor und sperrt sie. Den ganzen Tag über wechseln Angriff und Gegenangriff, mehrfach
werden eigene Truppenteile vorübergehend eingeschlossen; an der gesamten Front der Gruppe Harteneck tobt ein Kampf von unerhörter Heftigkeit. Nordwestlich Baranowicze stößt
zwischen den sich nach Westen absetzenden inneren Flügeln der Gruppe Harteneck und der 28.Jäg.Div. (LV.A.K.) ein starker feindlicher Panzerverband bis Polonka durch.
Sämtliche einsatzbereiten Tigerpanzer werden dagegen angesetzt. Die tapfer kämpfende 28.Jäg.Div., kurz darauf auch an ihrem linken Flügel durchbrochen, wird nahezu eingeschlossen.
Sie versucht, sich nach Westen durchzuschlagen. Von auf breiter Front scharf nachdrängendem Gegner wird die 12.Pz.Div., durch Bandenüberfälle, Wegesperrungen und
Brückensperrungen in ihren rückwärtigen Gebiet außerordentlich behindert, nach Nordwesten zurückgeworfen. Die Division hat Befehl, durch einen Angriff nach Südosten der 28.Jäg.Div.
Erleichterung zu verschaffen (s.Anl.X).
Anders als durch Zurücknahme der Front auf die westliche Szczara-Linie ist die Wiederherstellung der sich von Stunde zu Stunde verschlechternden Lage nicht zu erhoffen. Der OB
ordnet deshalb das Zurückkämpfen der Gruppe Harteneck auf den Szczara=Abschnitt an, wobei die inzwischen mit Teilen eingetroffene 129.I.D. den rechten, die 4.Kav.Brig. den linken
Abschnitt übernehmen wird. Die Ungarn, soweit noch vorhanden, sollen -möglichst unter deutscher Führung-zur Verdichtung der Front eingesetzt werden.
Als südliche Armeegrenze ist vom AOK 2 die Linie Morocz - Straßenknick Dg VII — E-Brücke südl. Byten - Lyskow befohlen worden (s.Anl.V 1). Ostwärts Slonim soll, um den auf dem
rechten Szczara=Ufer liegenden Bahnhof noch möglichst lange benutzen zu können und das abfließen der noch ostwärts der Szczara stehenden Verbände nach Westen zu decken, von der
4.Pz.Div. eine Brückenkopfstellung bezogen werden. Die 28.Jäg.Div., soweit noch einsatzfähig, ist ebenfalls zur Verwendung in der Brückenkopflinie im Anschluß an die 4.Pz.Div.
vorgesehen. Die 12.Pz.Div. erhält Befehl, mit Teilen in hinhaltender Kampfführung nach Westen auszuweichen und mit der Masse über Wielka Wola ausholend hinter der Szczara eine
neue Abwehrfront von Norden her aufzubauen. Nördlich Wielka Wola soll eine Kampfgruppe, die inzwischen aus den Resten der 20.Pz.Div.aufgestellt worden ist (Gruppe Demme), den
Abschnitt bis zum Njemen bei Mociewicze decken. Den Versuch, noch ostwärts des Waldgebietes an der Szczara, also zwischen Derewna und Zdzieziol, zur Abwehr überzugehen, wie es der
 ursprünglichen Planung der Heeresgruppe entsprechen würde, hält der OB für aussichtslos, soll nicht der Feind früher an der Szczara stehen als die eigenen Truppen; er hat deshalb
bereits im Laufe des Tages den Einsatz aller Baukräfte hinter der Szczara befohlen. Die 367.I.D. soll sofort nach Eintreffen. ebenfalls dorthin vorgeführt werden und einen
Abschnitt zwischen 4. und 12.Pz.Div. erhalten.
Die rasche Entwicklung der Lage zwingt das AOK erneut zum Stellungswechsel . Als neuer Gefechtsstand ist Mczibow, 15 km Westsüdwestl. Wolkowysk, vorgesehen. Da der Feldmarschall
jedoch anordnet, die Gruppe habe zunächst noch einen weiter ostwärts gelegenen Gefechtsstand einzurichten, wird in Platenicze (25 km westnordwestlich. Slonim) ein vorgeschobener
Gefechtsstand behelfsmässig vorbereitet und am Abend bezogen. Der überwiegende Teil des Kommandos der Gruppe von Vormann befindet sich bereits in Mczibow, da infolge der Knappheit
an Nachrichtenmitteln in Platenicze nur wenige Fernsprechleitungen haben hergestellt werden können.
9.7.1944
KTB 9.Armee.
Unter unablässigem, stärkstem Feinddruck entbrennt der Kampf um die Szczara=Linie. Die Lage ist am Morgen wegen des Ausfalls oder Fehlens nahezu sämtlicher Nachrichtenverbindungen
nach vorwärts weitgehend unklar. Erst nach Rückkehr der noch im Laufe der Nacht ausgesandten Ordonnanzoffiziere und nach Wiederherstellung einiger Verbindungen ergibt sich im Laufe
des Tages folgendes lückenhafte Bild (s.Anl.II,III und X).
Am linken Flügel ist es der 12.Pz.Div. gelungen, nach schweren Gefechten, in die die Division während ihrer Umgruppierung verwickelt worden ist, mit ersten Teilen die Szczara bei
Wielka Wola zu überschreiten; der Aufbau der befohlenen Abwehrfront geht seitdem langsam vonstatten. Die 4.Pz.Div. hat nach zwei am gestrigen Abend erfolgreich durchgeführten
Gegenangriffen bei nachlassendem Feinddruck in verhältnismässig guter Ordnung ihre Brückenkopfstellung bezogen und erklärt auch, hinsichtlich des Zeitpunktes der Aufgabe des
Brückenkopfes völlig Herr ihrer Entschlüsse zu sein. Von der 28.Jäg.Div. fehlen zunächst Nachrichten. Das Kommando der Gruppe hat eine Brückenbau-Kolonne nach Kabaki entsandt, wo
man die Division erwartet. Kurz vor Mittag funkt sie jedoch, sie sei im Zurückgehen auf Slonim, was bedeutet, daß sie ihren Gefechtsabschnitt verläßt. Es stellt sich später heraus,
daß das überraschende Abdrehen der Division nach Südwesten auf einem selbständigen Entschluß des Div.Kdrs. beruht.
Dieser Entschluß hat für die Verteidigung des Szczara=Abschnittes verhängnisvolle Folgen. Der geplante Brückenbau bei Kabaki kann nicht mehr zur Ausführung kommen, da der Feind,
der bereits am Vormittag ostwärts den nun ungeschützten Abschnittes nördlich Slonim steht, seinerseits bei Kabaki einen Brückenkopf über die Szczara gebildet und auch schon mit dem
Bau einer Brücke begonnen hat. Nachdem ein von schleunigst herangeworfenen Kräften unternommener erster Versuch, den Gegner wieder zurückzuwerfen, mißlungen ist, ist für den Abend
noch ein zweiter Bereinigungsangriff unter Heranziehung von Teilen der 4.Pz Div. und Sturmgeschützen befohlen. Er soll zugleich der Aufnahme abgesprengter Teile der 28.Jäg.Div.
dienen, die sich inzwischen bis Sakowicze durchgeschlagen haben und sich weiter zurückkämpfen. Ihr Kommandeur, der am Abend beim Gen.Kdo.LV.A.K. eintrifft, erklärt, er habe
angesichts des nun völlig erschöpften Zustandes der Division inzwischen ungeordnet, sie solle in Zelwa, also weit hinter der Front, sammeln. In einem Gespräch, das der OB kurze Zeit
später persönlich mit ihm führt, erhebt er darüber hinaus bittere Anklage gegen die Führung des Korps und der Gruppe, der er die Schuld an der Zerschlagung seiner Division, die eine
der besten Divisionen des Heeres gewesen sei, zuschreibt (s.Anl.X: 10.7.; 0,45 Uhr). Der OB weist diese Vorwürfe scharf zurück und fügt hinzu, er sei zwar bereit, zu gegebener Zeit
auf sie einzugehen, vorerst aber komme es weniger auf den dramatischen Akzent der ohnehin kritischen Lage als auf die Rettung der noch vorwärts der eigenen Linien stehenden Teile
der Division an, wobei er darauf hinweist, der Div.Kdr. gehöre in einer solchen Lage nicht zum Gefechtsstand des Korps, sondern zu seiner Truppe. Er selbst habe inzwischen, der
4.Pz.Div. befohlen, unter Räumung des Brückenkopfes ,Slonim mit ihrem Angriff auf dem Westufer der Szczara die Reste der 28.Jäg.Div., denen der Feind sich erneut vorgelegt hat,
unter allen Umständen zu entsetzen (s.Anl.IV 8).
Während so die Kämpfe im Nordabschnitt, die in die Nacht hinein weitergehen, der Führung der Gruppe allein schon, schwerste Belastungen auferlegen, nimmt auch südl.Slonim die Lage
eine höchst unangenehme Entwicklung. Ein genauer Überblick über den Kampf der Gruppe Harteneck hat auch weiterhin nicht erlangt weiden können, es ist lediglich gemeldet worden,
daß die 129. I.D. mit Teilen im Szczara=Abschnitt beiderseits Byten eingesetzt sei. Kurz vor Mitternacht kommt im Gegensatz dazu vom AOK 2 die Nachricht, nach Aufklärungsmeldungen
der jenseits der Gruppengrenze eingesetzten Einheiten des Brig.Stabes zbV 18 stehe in Byten der Feind. Eine Klärung ist trotz aller Bemühungen nicht herbeizuführen, es muß jedoch
angenommen werden, daß sich die 129.I.D. aus irgendwelchen Gründen nach Westen abgesetzt hat. Damit ist die Szczara=Linie auch_an_einer_zweiten_Stelle vom Feind bereits überschritten.
Die Gruppe Harteneck, zu der nur gelegentlich Fernsprechverbindungen bestehen, und die selbst über fast keine Verbindungen zu den ihr unterstellten Verbänden verfügt, hat ferner
gemeldet; die kgl.ung. 1.K.D. sammle unter Belassung ihrer noch kämpfenden Teile unter einem Rgts.Kdr. in der Front ohne Genehmigung des Korps im Raum Lubiszezyze, also südlich des
Gruppenabschnittes. Damit ist die ungar.Division mit ihrer Masse aus dem Gruppenbereich ausgeschieden. Der Verlust ist nicht groß. Nähere Einzelheiten über den Kampfverlauf sind
auch hier nicht zu erfahren.
Nachdem bereits gestern von der Heeresgruppe erwogen worden ist, die Gruppe v.Vormann wieder aus dem Unterstellungsverhältnis unter das AOK 2 herauszunehmen, fällt heute die
Entscheidung, dass die Gruppe ab morgen 00.00 Uhr als AOK 9 der Heeresgruppe wieder unmittelbar unterstellt sein soll (s.Anl.V 5). Ihr Kampfauftrug und =abschnitt bleibt unverändert.
OB und. Chef haben heute den vorgeschobenen Gefechtsstand Platenicze verlassen und sind in Mczibow eingetroffen.
In Platenicze bleibt noch eine Befehlsstelle der Gruppe unter dem seit heute als Ia zum Gruppenstab kommandierten Oberstlt.i.G.Fussenegger bestehen, in Mczibow übernimmt
Oberstlt.i.G.Degen vertretungsweise die Ia-Geschäfte. Die heutigen Kämpfe an der haben der Gruppe einen schmerzlichen Verlust gebracht: Der stellv.Pionierführer, Gen.Major v.Schmidt,
ist von einer Erkundungsfahrt nach Kabaki nicht zurückgekehrt und nach den vorliegenden Meldungen muß man leider damit rechnen, daß er in Unkenntnis des bereits erfolgten
Feindübergangs über die Szczara und in der Annahme, es handele sich bei Kabaki um den geplanten eigenen Brückenbau, vom Feind überrascht und in Gefangenschaft geraten ist.
10.7.1944
KTB 9.Armee.
Die Nachrichtenverbindungen, deren Fehlen den gestrigen Tag so unangenehm, kennzeichnete, haben während der Nacht zum größten Teil wiederhergestellt werden können. Der Überblick, der
sich auf Grund der nunmehr eintreffenden Meldungen und Nachmeldungen über den Verlauf des gestrigen Tages und der Nacht ergibt, zeigt, daß an eine erfolgreiche Verteidigung auch der
Szczara=Linie wohl kaum noch zu denken ist. Bei der Gruppe Harteneck hat der Feind gestern Abend mit weit überlegenen Kräften angegriffen und am Südflügel sowie bei Miromin erneute
Einbrüche erzielt. Die 129.I.D. ist nach schwerem Kampf nach Westen zurückgeworfen worden. Der Gegner greift weiter an. Beim LV.A.K. ist der zur Bereinigung des Szczara=Westufers
angesetzte Gegenangriff nicht durchgeschlagen. Feindpanzer sind im Angriff auf Slonim und in dessen Nordwestteil bereits eingedrungen. Auch weiter nördlich sind schwere Abwehrkämpfe
im Gange; die 12.Pz.Div. verfügt nach den Kämpfen der letzten Tage und infolge zahlreicher technischer Schäden durch die pausenlosen Beanspruchungen ihrer Kampfwagen zur Zeit nur
noch über einen einzigen einsatzbereiten Panzer (Einzelheiten s.Anl. II und III).
An der weiteren Führung der weiter zu erwartenden Kämpfe wird das AOK 9 jedoch nicht mehr teil haben. Der gestrige Befehl über seine Wiedereinsetzung, als selbständiges Oberkommando
im bisherigen Nordabschnitt des AOK 2 ist widerrufen worden. Wie die Heeresgruppe mitteilt, wird das AOK 9 -vorläufig wieder unter der Bezeichnung "Gruppe v. Vormann”- aus dem Einsatz
herausgezogen. Die ihm bisher unterstellten Verbände treten zur 2.Armee (s.Anl. IX 1 und 2). Lediglich der O.Qu., der Höh.Art.Kdr., der BvTO. und die zur Aufrechterhaltung der
Nachrichtenverbindungen benötigten Teile des A.Nachr.Rgt.511 sollen vorläufig noch nicht abrücken, desgleichen wird für kurze Zeit im bisherigen Gefechtsstand der Gruppe v.Vormann
unter Oberstleutnant i.G. Degen eine Befehlsstelle zurückbleiben, die nach den Weisungen des AOK 2 arbeiten wird.
Dem Stab Gruppe v.Vormann wird als neue Aufgabe die Oberleitung der Ausbaues einer rückwärtigen Stellung ostwärts Bialystok übertragen, daneben bleibt die Aufgabe der Auffrischung
der ehemals zur 9.Armee gehörigen Verbände, aus denen eine Korpsabteilung aufgestellt werden soll, bestehen. Die Gruppe erläßt bereits heute ihren ersten Befehl dazu (s.Anl, IV 1).
Der Stab selbst soll durch beschleunigte Auffrischung wieder voll arbeitsfähig gemacht werden.
Nachdem schon auf Grund der ersten, am frühen Vormittag von Seiten der Heeresgruppe erfolgten Orientierung über die Herauslösung des AOK und die Rückgängigmachung des gestrigen
Befehls das AOK 2 die taktische Führung wieder in die Hand genommen hat, erfolgt die offizielle Befehlsübergabe am späten Abend (Chef /Chef 2, 22,15 Uhr). Übermorgen wird
der Gruppenstab Mczibow verlassen. Das neue H.Qu. ist in Trykocin (25 km westnordwestl. Bialystok) vorgesehen. Kriegstagebuchmässige Schilderung der Tagesereignisse siehe KTB AOK 2.
Von den bisher unterstellten Truppen verabschiedet sich der OB in einem Tagesbefehl (s.Anl.IV 4). Es heißt darin: "Mein Dank gilt hiermit all den einzelnen Verbänden, die nach dem
Fall von Bobruisk in höchster Opferbereitschaft einen Durchbruch des Russen verhindert haben. Mit stolzer Freude kann ich feststellen, daß ich auch in beinahe aussichtslos scheinenden
Lagen nie vergeblich gerufen habe, wenn es galt, schwer bedrohte oder schon eingekesselte Verbände herauszuhauen. Deutsche Soldaten lassen einander nicht im Stich, das soll so bleiben.
Wir haben viel Gelände verloren und kämpfen an den Grenzen der Heimat. Ihr habt verhindert, daß der Bolschewist dort einmarschiert. Darauf könnt Ihr stolz sein trotz all dem Schweren,
was uns die letzten Wochen gebracht haben. Es werden für unser Deutschland auch wieder helle Tage kommen. Der Kampf geht weiter. Es lebe der Führer, v.Vormann, General d.Pz.Tr."
Der zweite große Kampfabschnitt der 9.Armee im Feldzug gegen die Sowjetunion, der mit der Schlacht um den Orelbogen begann und mit der Schlacht um Weißruthenien endete, ist damit
abgeschlossen.
 
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