390.Feldausbildungsdivision
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Kriegstagebuch Juli 1944
2.7.1944
KTB 9.Armee.
Der Feind hat keine Zeit verloren. Was das AOK befürchtet hat, ist eingetroffen: Er zielt auf Stolpce, und der Flankenangriff der 4.Pz.Div. in die nach Nordwesten
weiter vorrückende Feindkolonne ist erfolglos gewesen. Um 5,15 Uhr beschießen die ersten feindlichen Panzer Stolpce und dringen eine Stunde später, da die geringen
Kräfte der Ortsbesatzung sie nur vorübergehend haben aufhalten können, in die Stadt ein. Die Njemen=Übergänge, Straßen= und Eisenbahnbrücken sind gesperrt.
Was von der 9.Armee noch im Raum um Minsk steht, ist damit praktisch zum zweiten Mal eingeschlossen, denn die Sperrung auch der Enge von Molodeczno kann nur noch
eine Frage von kurzer Zeit sein.
Das AOK, erst vor einigen Stunden in Mir eingetroffen, wird erneut zum Stellungswechsel gezwungen, teils weil von hier aus die Herstellung brauchbarer
Nachrichtenverbindungen nicht möglich ist, teils weil sich die feindlichen Panzer, durch eilig entgegenegeworfene Flak (s.Anl. IV 1) kaum aufgehalten, bereits Mir
nähern. Der OB möchte unter allen Umständen den nochmaligen Ausfall des Führungsapparates mitten in einer Krisenlage vermeidet und gibt deshalb, nach Anhörung des
Armeenachrichtenführers, schon am Vormittag den Befehl, den Gefechtsstand unverzüglich nach Nowa Mycz (westlich Baranowicze) zu verlegen, wo die Nähe des
Nachrichtenknotenpunktes Baranowicze die baldige Wiederherstellung brauchbarer Verbindungen verspricht.
Zur Wiederherstellung der Njemen=Übergänge bei Stolpce wird von der Heeresgruppe unverzüglicher Gegenangriff befohlen (s.Anl.V 6). Die 2.Armee soll mit der 4.Pz.Div.
erneut aus dem Raum Kleck - Nieswicz nach Nordwesten angreifen. Die der 9.Armee neu zugeführte 28.Jäg.Div., deren Ausladung, durch die Entwicklung der Lage erzwungen,
nunmehr doch südwestlich Stolpce erfolgen muß (s.Anl.V 4) und mit ersten Teilen bereits erfolgt, wird rittlings der Bahnlinie antreten, und von Norden soll die
12.Pz.Div. schleunigst herangeführt werden, um sich ebenfalls an dem Angriff auf Stolpce zu beteiligen.
Da zu den im Raum Minsk befindlichen Kräften, insbesondere zur Gruppe Lindig, Fernsprechverbindung nicht mehr besteht und auch die Funkstellen des AOK nicht
durchdringen, die Heeresgruppe jedoch die unverzügliche Umgruppierung der 12.Pz.Div. nachdrücklich fordert, wird noch am Nachmittag ein Ordonnanzoffizier des AOK im
Storch in den Einschließungsraum entsandt, dem es gelingt, die Befehle noch am Abend zu übermitteln. Sie ordnen an, daß die 12.Pz.Div. unverzüglich aus der Front der
Gruppe Lindig herausgelöst und mit größter Beschleunigung auf Stolpce zum Angriff angesetzt werden soll (s.Anl. IV 6). Die Gruppe Lindig erhält Befehl, sobald unter
weiterem Absetzen der Sperrfront (s.Anl.IV 2) der Anschluß zu 4.Armee hergestellt ist (s.Anl.IV 4), die 390.F.A.D.,die zur weiteren Verteidigung der Sperrlinie allein
nicht in der Lage ist, der 4.Armee zu unterstellen und den Gruppenstab, dessen taktischer Auftrag damit endet, der 12.Pz.Div. anzuschliessen. Die Gruppe Meinecke soll
zunächst noch den Flankenschutz der 12.Pz.Div. übernehmen (s.Anl.IV 5) und ihr ab 3.7. unterstellt werden.
Über das Schicksal der befreiten Bobruisker liegen zur Zeit nähere Meldungen nicht vor. Wie weit es überhaupt gelungen ist, die ganze Ausbruchsgruppe aufzunehmen, ist
nicht bekannt. Das AOK nimmt jedoch an, daß ein Teil von ihnen inzwischen auf Eisenbahnzüge hat verladen werden können und sich, zusammen mit Großtrossen und
Versorgungstruppen der Armee, auf der Fahrt in Richtung Wilna befindet und zum Teil wohl auch die Enge von Molodeczno schon passiert hat. Andere Züge, die in
südwestlicher Richtung von Minsk abgefahren sind, dürften auf der Strecke nach Stolpce festliegen, um die Wiederöffnung des Njemen=Überganges abzuwarten.
Nach Funksprüchen des Generals v. Kessel, Kdr.der 20.Pz.Div..haben die mot. und besp.Staffeln der Ausbruchsgruppe ihren Marsch nach Südwesten auf Jeremicze (hart
südlich des Naliboki-Waldes) angetreten, offenbar um dort einen Übergang über den Njemen zu suchen (siehe Anl.III 1,2,4, 5,6 und 9). Von den noch nicht
abtransportierten Fußteilen der Gruppe Hoffmeister fehlen Nachrichten, sie dürften sich mit der Masse noch bei der 12.Pz.Div. befinden.
Durch die heute erfolgte Sperrung der Rückmarschstraße bei Stolpce ist, wie schon bei der Einschließung von Bobruisk, wiederum ein Teil des Armeestabes abgeschnitten
worden. Es fehlen dem AOK zur Zeit 24 Offiziere (darunter 6 Abteilungsleiter), 25% des Unterstabes, 25% der Kraftfahrzeuge, 90% der Nachschubtruppen einschl.des Kdrs.
der Nachschubtruppen und der beiden. Kw.Trsp.-Abt.-Stäbe, 94 % des Fachpersonals bei der O.Qu.-Abteilung, 30% der San.-, Veterinär= und Kraftfahrparktruppen, 98 % der
Fernsprechkräfte, 85 % der Funkkräfte, ferner die gesamten Nachrichtenaufklärungstruppen. Der OB richtet deshalb ein Schreiben an die Heeresgruppe, in dem er darum
bittet, in Zukunft die an das AOK zu stellenden Anforderungen entsprechend der erheblich verminderten Arbeitsfähigkeit zu bemessen und insbesondere auf dem Gebiet der
Versorgung und des Nachrichtenwesens baldmöglichst auszuhelfen.

3.7.1944
KTB 9.Armee.
Die 12.Pz.Div., während der Nacht aus der Front der Gruppe Lindig planmässig herausgelöst, rollt seit Tagesbeginn über Stankowo auf Stolpce (s.Anl.III 1).
Die Vorausgruppe der Div. hat bereits gestern die Stadt und den Njemen-Übergang wieder in eigenen Besitz gebracht. Der Rest der Gruppe Lindig (390.F.A.D.) ist nach
Herstellung des Anschlusses zur 4.Armee nunmehr dieser unterstellt worden.
Über das Schicksal der Bobruisker liegen jetzt endlich nähere Nachrichten vor (s.Anl.III 2). Der Kampfgruppe Blancbois ist es gelungen, die gesamte Ausbruchsgruppe
aufzunehmen und auch die Verwundeten zu bergen; sie ist hierzu bis zum 2.7. vorwärts der eigenen Linie geblieben. Die Angehörigen der Ausbruchsgruppe sind dann zum Teil
in Eisenbahnzügen verladen, zum Teil von Fahrzeugen der 12.Pz.Div. mitgenommen worden, zum Teil aber haben sie auch den Weitermarsch zu Fuß antreten müssen,da die
Fahrzeuge nicht ausreichten, um die Tausende zu fassen. In einzelnen Gruppen aufgelöst, abgerissen, vielfach ohne Waffen, manche barfuß, da die schmerzenden Füße die
Stiefel nicht mehr vertrugen, zahlreiche Verwundete unter ihnen, seit Tagen ohne Verpflegung und fast ohne Schlaf, nach den harten Durchbruchsgefechten und durch die
Strapazen des tagelangen Marschierens seelisch und körperlich schwer mitgenommen - so zieht jetzt ein fast endlos scheinender Zug von jetzt insgesamt 35 000 Soldaten aus
dem Raum südlich Minsk nach Südwesten um zum zweiten Mal der feindlichen Umklammerung zu entrinnen. Die Gruppe Kessel ist schneller vorwärts gekommen, sie meldet, daß sie
den Übergang bei Jeremicze gegen Bandenwiderstand erzwungen und bereits den Bau einer Brücke über den Njemen begonnen habe (s.Anl. III 4). Zur Unterstützung und zum Schutz
dieses Brückenbaues setzt das AOK eine Brückenkolonne, Pioniere und Sturmgeschütze in Marsch, und zur Sperrung des Usza-Abschnittes, dessen überschreiten durch den Feind
der Gr.v.Kessel den Weg nach Süden abschneiden würde, tritt von Baranowicze aus eine durch Sturmgeschütze verstärkte Kampfgruppe der 28.Jg.Div. nach Wielkie Zuchowicze an,
wohin sich auch die zunächst noch ostw. der Usza kämpfende Flak hat absetzen müssen. Der Brückenbau bei Jeremicze ist schon am Abend beendet, morgen in aller Frühe will
die Gr.v.Kessel zum Weitermarsch an treten (s. Anl.III 5 und 6).
Auf Grund des gestrigen Schreibens des OB an die Heeresgruppe, in dem er auf die verminderte Arbeitsfähigkeit des Armeestabes hingewiesen hat, fällt heute deren
Entscheidung, daß das AOK 9 mit sofortiger Wirkung als "Gruppe von Vormann" dem AOK 2 zur Führung auf dessen Nordflügel unterstellt werde (s.Anl.5 und 6). Verbunden mit
diesem Befehl, der in erster Linie aus versorgungs= und nachrichtentechnischen Gründen ergeht, ist eine Erweiterung des Abschnitts der Gruppe nach Süden; er deckt nunmehr
die ganze Breite der Landenge von Baranowicze zwischen dem Naliboki=Wald und dem Nordrand der Pripjet=Sümpfe. Gleichzeitig wird die beiderseits der Straße Ssluzk -
Sinjawka kämpfende Gruppe Harteneck der Gruppe von Vormann unterstellt (zu ihr gehört neben der 4.Kav.Brigade und der neu zugeführten kgl.1.ung.Kav.Div. auch die
4.Pz.Div.), außerdem der Feste Platz Baranowicze und eine Anzahl von Heerestruppen, in erster Linie Panzer und Panzerabwehrwaffen, die sich allerdings erst im Antransport
befinden.
Im Mittelpunkt des heutigen Kampfgeschehens steht der konzentrische Angriff der 12.Pz.Div., 4.Pz.Div. und 28.Jg. Div. zur Wiederöffnung der Njemen=Übergänge bei Stolpce,
dessen Durchführung die Heeresgruppe trotz der vom AOK vertretenen und vorgetragenen Auffassung, daß eine Aussicht auf Erfolg nicht mehr bestehe, nochmals nachdrücklich
gefordert hat (s.Anl.V 6). Der Angriff der 4.Pz.Div. aus dem Raum Nieswiecz geht zunächst zügig vorwärts -gegen Mittag wird Horodziej genommen-, stockt dann aber
nordwestlich der Stadt (s.Anl.III 3). Die Div. hat Befehl, ihn mit aller Kraft fortzusetzen. Die 28.Jg.Div., die jetzt mit stärkeren Teilen, teils in Pogorzelce, teils
in Baranowicze ausgeladen werden soll (s.Anl.II) ist angewiesen, schnellstens eine Abwehrfront in der allgemeinen Linie Horodziej - Nowy Swierzen aufzubauen, um ein
weiteres Vordringen des Feindes über diese Linie zu verhindern und die baldige Wiederherauslösung der 4.Pz.Div. zu ermöglichen (s.Anl.IV 24). Von der 12.Pz.Div. fehlen
wegen Ausfalls der Funkverbindungen jegliche Nachrichten; insbesondere ist nicht zu ermitteln, inwieweit die Masse der Division Stolpce jetzt erreicht hat, ob die Brücken
noch in eigener
Hand sind und welchen Verlauf der befohlene Angriff der Div. nimmt (s.Anl.IV 12). Um ihr Kenntnis von der Lage im Raum südwestl. Stolpce zu geben (s.Anl. IV 6) und endlich
Näheres über den Angriffsverlauf zu erfahren, wird nochmals ein Ord.Offz. des AOK im Storch zur Division in den Einschließungsraum entsandt.
Währenddessen ist im Süden der allmählich im Aufbau begriffenen, jetzt noch unzusammenhängenden Abwehrfront der Gruppe von Vormann eine erhebliche Verschärfung der Lage
eingetreten. Beiderseits der Rollbahn, am Morocz-Abschnitt, steht die Gr.Harteneck in schweren Kämpfen gegen überlegenen Feind. Nachdem mehrere panzerunterstützte Angriffe
unter Bereinigung eines örtlichen Einbruches haben abgewiesen werden können, gelingt es dem Gegner, den rechten Flügel der Gruppe zu umfassen und auch an ihrer linken
offenen Flanke vorbei nach Westen vorzustoßen. Die Gruppe Harteneck meldet daraufhin, sie beabsichtige, die 4.Pz.Div. zur Stützung ihrer Front wieder zu sich heranzuziehen.
Der OB widerspricht jedoch dieser Absicht und befiehlt statt dessen, die Gruppe, der andere Verstärkungen zugeführt werden, solle sich in der kommenden Nacht auf den Lan -
Cepra=Abschnitt absetzen, unter gleichzeitiger Versammlung einer stoßkräftigen Angriffsgruppe an ihrem Nordflügel zum Angriff gegen den in dem Raum. nordostwärts Kleck
vorgedrungenen Feind. Er betont, daß die 4.Pz.Div. erst dann wieder nach Süden abgezogen werden dürfe, wenn sie durch die 28.Jg.Div. und von Stolpce übergesetzte Teile der
12.Pz.Div. abgelöst worden sei (OB/Gen.Lt.Harteneck, 16,35 Uhr). Der leitende Gedanke, der dieser Anordnung und allen anderen heute gegebenen Befehlen zu Grunse liegt,
besteht darin, daß die vordringlichste Aufgabe der Gruppe v.Vormann zunächst in der Wiederöffnung und Leerung des Minsker Kessels liegt, und daß diese Aufgabe mit aller
Energie durchgesetzt werden muß (s.Anl. IV, 2,3,6,7,10,13,17,18,22 und 24). Die daneben bestehende Aufgabe zur Wiederherstellung einer geschlossenen Abwehrfront kann
deshalb vorläufig nicht anders als in hinhaltender Kampfführung gelöst werden. Der Gruppe Harteneck wird aus diesem Grund schon jetzt eine gewisse weitere Bewegungsfreiheit
für die Nacht vom 4./5.7. zugestanden (s.Anl.IV 26).
Gegen Abend lichtet sich die Unklarheit über die Lage bei der 12.Pz.Div. Luftaufklärung meldet, der Gruppe von Kessel folge auf dem Wege nach Jeremicze eine Kolonne von
etwa 1 000 eigenen mot-Fahrzeugen und in Stolpce sei weder Feind noch Freund zu erkennen. Demnach erscheint es fast, als ob die 12.Pz.Div. ihren Angriff auf Stolpce
aufgegeben habe.
Einzelheiten sind jedoch immer noch nicht bekannt, da der zur Div. entsandte Ord.Offz. von seinem Flug nicht zurückgekehrt ist. Die Gruppe von Vormann, immer noch ohne
Funkverbindung zur 12.Pz.Div., beauftragt deshalb unverzüglich die Gruppe von KesseL, nähere Feststellungen über die ihr folgenden Fahrzeuge zu treffen.
Kurz vor Mitternacht treffen neue Meldungen von der 28.Jäg.Div. ein. Die Lage um Horodziej hat sich verschärft. Feindartillerie beschießt den Bahnhof, wodurch die Div.
gezwungen wird, zum Teil auf freier Strecke auszuladen, Ostwärts Horodziej stehen Teile der Div. im Kampf (Kdr.28.Jg.Div./OB, 22.00 Uhr). Von der 4.Pz.Div. fehlen
Nachrichten.
Weiter südlich, bei der Gruppe Harteneck, sind schwere Kämpfe im Gange. Der vom Nordflügel der Gruppe Harteneck von Kleck aus nach Nordosten vorgetragene Angriff der
1.kgl.ung.Kav. Div. ist durch einen feindlichen Flankenangriff liegen geblieben und es scheint, als ob die Ungarn sich bereits wieder zurückzögen. Die Lage hier ist im
Einzelnen unklar.
 
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