35.Infanteriedivision
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Kriegstagebuch Juni 1944
12.6.1944
KTB 9.Armee.
Der Feind führt weiterhin, und zwar in verstärktem Maße, Kräfte in die Versammlungsräume Kalinkowitschi und Gomel. Die Abstellung panzerbeladener Güterwagen auf den
Bahnhöfen Gomel und Retschiza ist festgestellt worden und als weiterer Beweis für die Versammlung russischer Angriffsverbände in der Tiefe vor der Front der 9.Armee
anzusehen. Die Armeeführung rechnet damit, daß der Feind nicht nur vor dem XXXV.A.K., sondern auch vor dem XXXXI.Pz.K. einen Angriffsschwerpunkt vorbereitet, wobei sie
den Schwerpunkt vor dem XXXXI.Pz.K. als operativ bedeutender und gefährlicher bewertet. Auf Grund dieser, sich ihm an Ort und Stelle (beim Gen.Kdo. XXXXI.Pz.K.)
bestätigenden Veränderung der Lage entschließt sich der OB, unter Verzicht auf das Herauslösen der 129.I.D. (s.KTB vom 3.6.) vor allem hinter der 35. und 36.I.D.
Reserven bereitzustellen, umsomehr, als das Gelände am linken Flügel der 36.I.D. besonders panzergefährdet ist.
Ein eigenes erfolgreiches Stoßtruppunternehmen südwestl. Ssawin Rog (129.I.D.) bringt vier Gefangene ein, die dem 161.russ.Verteidigungsabschnitt angehören.
Der Feind hat also seine Truppe in .der HKL hier jedenfalls noch nicht durch neu herangeführte Angriffsverbände abgelöst, die Gefangenenaussagen bestätigen aber, daß
russische Kräfte in frontnaher Angriffsbereitschaft stehen. Von allen drei Div.Abschnitten des XXXXI.Pz.K. hat der Feind außerdem auf die eigene HKL zulaufende
Stichgräben angelegt.
Das AOK trifft weitere vorbereitende Maßnahmen, um die Abwehrbereitschaft zu vervollkommnen. Der Truppenhinweis Nr. 2 des OB fordert die Überprüfung der Alarm=, Feuer=,
Gefechts= und Marschbereitschaft aller in Front eingesetzten und in Reserve stehenden Truppen-, die Heranziehung des Sperrfeuers bis dicht an den vordersten Graben, die
Ausstattung der Führer aller Sturmgeschütz-Einheiten mit Panzerabwehrplänen in den Frontabschnitten, in denen ihr Einsatz vorgesehen ist (s.Anl. IV 1). Außerdem wird
befohlen, alle Häuser und Ortschaften zwischen der HKL und der Artillerie-Schutzstellung abzubauen und das gewonnene Holz zum Stellungsbau zu verwenden (s.Anl. IV 4).
Ein weiterer Befehl des OB befaßt sich mit dem Wesen, Ausbau und Zweck der Artillerie=Schutzlinie. Der Raum zwischen HKL und Artillerie-Schutzlinie soll als Hauptkampffeld,
und zwar nach einheitlichen Gesichtspunkten ausgebaut und das Sperrfeuer vor der Artillerieschutzlinie ebenso vorbereitet werden wie das Sperrfeuer vor die HKL.
(s.Anl. IV 2).
Um 20.30 Uhr trifft bei der Armee der Befehl des Führers ein, daß vom 14.Juni an auf allen Kriegsschauplätzen der Urlaub gesperrt wird und die zur Zeit im Reich
befindlichen Urlauber dem OKH zur Verfügung stehen. Diesem Befehl wird vom AOK unverzüglich durch das sofortige Verbot jeder Abfahrt von Urlaubern aus dem Armeebereich
entsprochen (Chef/IIa, 20.40 Uhr).
Beim Unternehmen "Pfingstrose" nähert sich die Säuberung des Restkessels dem Abschluß. Bei geringer Feindberührung erreicht die Nordgruppe die Linie Krinka - Mesowitschi -
Repitsche - Wereizy.
13.6.1944
KTB 9.Armee.
Die Zeichen feindlicher Angriffsvorbereitungen mehren sich.
In der Nacht vom 12./13.Juni ist die feindliche Fliegertätigkeit über dem gesamten Armeegebiet besonders lebhaft; bald nach Mitternacht führt der Feind nit etwa
50 Maschinen einen ersten Bombenangriff auf die Stadt Bobruisk, insbesondere die Beresina-Brücken sowie auf die Rollbahnen nach Rogatschew und Shlobin. Der von rund
200 Spreng- und Brandbomben verursachte Sach- und Personenschaden ist gering, die Brücken bleiben unversehrt (s.Tagesmeldung, Anl. II). Seinen Eisenbahnaufmarsch von Süden
nach Kalinkowitschi und von Süden und Osten nach Gomel setzt der Feind im bisherigen Umfange fort, auch ein Auslauf von Transportbewegungen bis Schazilki (an der Beresina),
also vor die Front der 36.I.D., ist festzustellen. Es kann angenommen werden, daß der Gegner bisher sieben starke Verbände neu herangeführt hat. Gefangene bestätigen das
Eintreffen neuer Verbände in Frontnähe, als Angriffsdaten nennen sie den 15., 20. oder 22. Juni. Die eigene Front meldet Motorengeräusche vor der 383. und 134.I.D., das
Einschießen vorgezogener Bttr. in die Tiefe der Südfront des XXXV.A.K., anhaltendes lebhaftes Art.-, Gr.W.- und Pakfeuer auf die inneren Flügel der 35. und 36.I.D. (wohl um
die Beobachtung der feindlichen Ablösungen zu erschweren) und die Anlage eines weiteren Stichgrabens bis 180 m an die HKL der 35.I.D. heran.
Das AOK beurteilt die Lage derart, daß tiefgestaffelte Angriffs-Schwerpunkte zunächst vor dem XXXXI.Pz.K. und dem XXXV.A.K. bestehen; der Schwerpunkt vor der XXXXI.Pz.K. ist
umfangreicher. Durchstoß des Feindes durch die Front des XXXXI.Pz.K. würde für ihn einen operativen Erfolg bedeuten, da er in Richtung westlich der Stadt Bobruisk führen und
das XXXV.A.K. zwingen würde, ostwärts der Beresina, also abgeschnitten weiterzukämpfen. Dieser Stoß würde zudem den Feind der Notwendigkeit entheben, im Angriff Brücken über
die Beresina zu schlagen. - Es kommt also darauf an, in erster Linie dem XXXXI.Pz.K., in zweiter Linie dem XXXV.A.K. durch Reservenbildung den Rücken zu steifen, wobei
allerdings berücksichtigt werden muß, daß die Kampfführung des XXXV.A.K. auch von der 4.Armee abhängig ist. Das LV.A.K. in seiner heutigen Breite dürfte von der Feindoffensive
zunächst unberührt bleiben; die Schwierigkeiten für dies Korps sind darin zu sehen, daß der Pripjetabschnitt, an dem das LV.A.K. nur mit einer Divisionsbreite sich beteiligt,
im wesentlichen Kampfraum der 2.Armee ist, auf deren Maßnahmen die Kampfführung des LV.A.K. abgestimmt werden muß. - Die Armee erwartet erheblichen feindlichen
Luftwaffeneinsatz, kann aber leider mit der Verstärkung der eigenen Flieger- und Flakkräfte nicht rechnen. Bei den drei Korps sind insgesamt 2 1/2 le.Flak-Bttr. eingesetzt,
Korück verfügt über 2 le.Flak-Bttr., in Bobruisk stehen 10 schwere und 6 1/2 le.Flak-Bttr. (Chefbesprechung).
Dieser Lagebeurteilung entspringen eine Reihe von Maßnahmen des AOK. Die 129.I.D. soll mehr nach Nordosten verschoben werden, um auch beim XXXXI.Pz.K. ja ein Gren.Rgt. in
Reserve zu haben. Hierzu wird folgendes befohlen:
a) Das LV.A.K. bereitet die Übernahme der beiden südlichen Btl.Abschnitte der 129.I.D. vor und löst ein Rgt. als Armeereserve aus der Front, das durch das Sturm-Rgt. der
AWS nach seiner Rückkehr vom Unternehmen "Pfingstrose" ersetzt wird. Die Entscheidung über das herauszulösende Rgt. fällt auf das G.R.232 der 102.I.D., da Stamm und Kampfwert
dieses Rgt. noch besser sind als beim G.R.84 und es zweckmäßig ist, das mit dem Pripjet-Brückenkopf vertraute G.R.84 dort zu belassen (Chef LV/Chef 9, 12.40 Uhr).
b) Das XXXXI.Pz.K. löst das G.R.427 (129.I.D.) so aus der Front, daß es als Armeereserve an den voraussichtlichen Brennpunkten des Korps eingesetzt werden kam. Den Abschnitt
des I./427 übernimmt zunächst das vom Unternehmen "Pfingstrose" zurückkehrende DFB 129, dann das I./508,den Abschnitt des III./427 das II./508 (LV.A.K.).
c) Das XXXV.A.K. führt nach Wiedereintreffen der beiden am Unternehmen "Pfingstrose" beteiligten Kpn. der A.Pz.Jg.Abt.743 die Pz.Jg.Abt. 129 und die III./A.R.129 der 129.I.D.
wieder zu.
Die notwendigen Ablösungen und Bewegungen sollen in 3 Tagen beendet sein (s.Anl. IV 1 - 4 und VII 1).
Dem XXXXI.Pz.K. wird ferner befohlen, den Bahnschutz an der Strecke Bobruisk - Staruschki zu aktivieren; denn diese Eisenbahnlinie dürfte eines der ersten Sabotage-Ziele des
Feindes sein. Hierzu wird dem Korps ein Sich.Btl. zugeführt werden (s.Anl. IV 2). Um etwa durch Bomben zerstörte Brücken rasch wiederherstellen zu können, sollen
Bauholzvorrätean den wichtigsten Brücken im Armeebereich bereitgelegt und Vorbereitungen getroffen werden, daß Pioniere im Mot-Marsch rasch an Schadenstellen gebracht werden
können (s.Anl. VII 3).
Der gestern gegebene Befehl über beschleunigte Verlegung von Minen wird dahin erweitert, daß das Gelinde entlang der vermutlichen feindlichen Stoßrichtungen bis in eine Tiefe
von 15 bis 20 km zu verminen ist (Chefbesprechung).
Nicht nur die Luftstreit- und Flakkräfte, auch die Heeres-Art. Verbände, die der 9.Armee z.Zt. zur Verfügung stehen, sind angesichts der bevorstehenden Feindoffensive
besorgniserregend schwach. Der Armeechef, der morgen zu einer Chef-Besprechung beim OKH befohlen ist, wird die Gelegenheit wahrnehmen, die angespannte Lage der Armee
darzustellen und Wünsche zu beantragen. Zunächst hat die H.Gr. immerhin zugesagt, daß die 707.I.D. als H.Gr.Reserve im Armeebereich verbleiben wird (Chef H.Gr./Chef,12.00 Uhr;
vergl. KTB vom 10.6.44).
Die Kräfte der 9.Armee haben durch die nun schon fast 3 Monate andauernden laufenden Abgaben zur Stärkung der 2.Armee beträchtlich abgenommen. Die 9.Armee hat in der Zeit vom
16.März bis heute 1 Gen. Kdo., 3 Pz.Divisionen, 2 Inf.Divisionen, 6 1/2 Art.Abt., 1 He.Pz.Jg. Abt., 3 Sturm-Gesch.Brig., 5 Pi.- oder Pi.Bau-Btle., 2 Brücken-Kol. und
1 Pi.Horchzug abgegeben. Außerdem sind mehrere Flak-Bttr. aus dem Verfügungsbereich der Armee ausgeschieden. Zwar hat die Armee in dieser Zeit mit der Übernahme des Abschnitts
des XX.A.K. die 102.I.D. und 292.I.D. hinzuerhalten und 3 Div.Sturm-Gesch.Abt. neu zugeführt bekommen, zwar haben sich durch das günstige Verhältnis zwischen Ersatzzuführung
und Verlusten die Gef.Stärken allgemein gehoben (ein Vorteil, der allerdings durch die Einbehaltung der Urlauber zur Verfügung des OKH z.T. wieder aufgehoben wird), aber über
eine der Abschnittsbreite und dem unbedingten Verteidigungsauftrag entsprechende Zahl von Verbänden angesichts der erdrückenden feindlichen Überlegenheit an Kämpfern und
Material verfügt die 9.Armee eindeutig nicht. Das AOK sieht sich daher veranlaßt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit die H.Gr. auf diesen Zustand hinzuweisen und unter
nachdrücklicher Betonung der grundsätzlichen Änderung der Feindlage immer wieder die Zuführung von Kräften zu beantragen.
Das Unternehmen "Pfingstrose" gegen Banden im Raum südlich Marina Gorka, das am 2.6. begann, ist mit dem heutigen Tage abgeschlossen (s.Anl. VII 5 - Erfolgsmeldung
s.Morgenmeldung 17.6.).
14.6.1944
KTB 9.Armee.
Der feindliche Aufmarsch vor der Front der 9.Armee hält im bisherigen Umfang an. Nach den letzten Feststellungen dürften jetzt 8 Schützendivisionen und 3 Panzerbrigaden zugeführt
worden sein. Erneut wird das Einfließen frischer Kräfte vor der Front des XXXXI.Pz.K. durch die eigene Erd- und Luftbeobachtung festgestellt. Alle 3 Divisionen des XXXXI.Pz.K.
und die Divisionen an der Südfront des XXXV.A.K. (45. und 383.I.D.) melden Motorgeräusche nachts und auch am Tage; stellenweise, so vor allem südwestl. der Beresina, wird Lkw.-
und Bespannverkehr beobachtet. Die feindliche Luftwaffe beschränkt sich auf Störtätigkeit über dem Raum des XXXXI.Pz.K. in der Nacht und auf Jagdsperre vor der Front des XXXV.A.K.
am Tage. Das Artillerie- und Granatwerfer-Feuer auf die inneren. Flügel der 35. und 36.I.D. hält an. Sonst finden auch am heutigen Tage keine besonderen Kampfhandlungen statt.
Im ganzen gesehen, ist eine noch weitere Verdichtung des feindlichen Angriffsschwerpunktes südlich der Beresina feststellbar. Dies wird sich dahin auswirken müssen, daß die
Reservenbildung beim XXXV.A.K. zugunsten des XXXXI.Pz.K. aufgelockert werden wird, jedoch sollen die Entscheidungen darüber erst morgen nach Rückkehr des Armeechefs von der
Besprechung beim OKH gefällt werden, wenn sich läßt, ob der 9.Armee nicht vielleicht doch noch andere frische Kräfte zugeführt werden (OB - Kom.Gen.XXXV.A.K., 20.00 Uhr).
Zunächst beschränkt sich die Heeresgruppe auf die Mitteilung, daß mit der Zuführung von Heeresartillerie, die so erwünscht ist, nicht gerechnet werden könne
(Ia H, Gr.-Ia, 19.00 Uhr). Dagegen kann die 18.Flak-Division, die auf Zusammenarbeit mit der 3.Panzerarmee und der 4. und 9.Armee angewiesen ist die Zuführung zweier leichter und
einer gemischten Flakbatterie zusagen und der Kdr. der 4.Fliegerdivision kündigt die Verlegung von 2 Gruppen Jägern in den Raum der 9.Armee an.
Der Kdr. der Division "Feldherrnhalle", die als OKH-Reserve zum -Einsatz bei der 9. und 4.Armee bereitgehalten wird, besucht heute zusammen mit seinem Art.Kdr., Pz.Jg.Kdr. und Ic
das AOK und das XXXV.A.K., um die Einsatzmöglichkeiten seiner Division zu prüfen und zu besprechen.
Ablösungen, Bewegungen und Reserven-Bildung nehmen mit geringen Abweichungen von der vorgesehenen Planung ihren vorgesehenen Verlauf (s.Tagesmeldung, Anl. II und Anl. IV 1 bis 4):
beim LV.A.K. soll das G.R.232 baldmöglichst herausgelöst werden, beim XXXXI.Pz.K. sind das G.R.427 der 35.I.D. und das G.R.109, bisher Korpsreserve, der 36.I.D. als Divisionsreserve
unterstellt worden; beim XXXV.A.K. verbleibt das G.R.430 vorläufig als Armeereserve, das G.R.130 hinter der 296. und 134.I.D. als Armeereserve, das G.R.133 hinter der 383.I.D.;
jedoch wird erwogen, das G.R.430 dem XXXXI.Pz.K. wieder zuzuführen.
15.6.1944
KTB 9.Armee.
Das Feindbild bestätigt sich weiter. Der Verkehr auf den Strecken im Raum Gomel - Kalinkowitschl - Schazilki hat weiter zugenommen. Es mehren sich in Frontnähe die Anzeichen sehr
weit fortgeschrittener feindlicher Angriffsbereitschaft. Der Aufmarsch weiterer starker Kräfte vor der Armeefront hält an, die Zuführung und Ausladung von rund 100 Panzern ist mit
Sicherheit erkannt, Motorgeräusche werden zu verschiedenen Zeiten, vor allem während der Nacht, vor der 129,, 35., 36., 134. and 383 I.D. festgestellt. Vor den inneren Flügeln der
35. and 36.I.D. ist eine artilleristische Verstärkung des Gegners im Umfang von 18 Batterien aufgeklärt worden. Verstärktes Feuer legt der Gegner am heutigen Tage anf die Front der
129. und 36.I.D. Seine Fliegertätigkeit über dem XXXXI.Pz.K. nachts und über der 383.I.D. am Tage ist lebhaft, verursacht aber keinen Schaden. Der Feind schanzt sich weiterhin an
die HKL der 35.I.D. heran. Das Gen.Kdo. XXXXI.Pz.K, hält die Angriffsvorbereitungen des Feindes für abgeschlossen und bemißt den Angriffsschwerpunkt auf das Gebiet von Wjunischtsche
(d.i. nach Verengung der Divisionen des XXXXI.Pz.K. 3 km südostw. der Grenze 129. zu 35.I.D. bis Sduditschi, also bis an die Beresina heran (Chef XXXXI. - Ia 9, 19.15 Uhr).
Im Zusammenhang mit den feindlichen Angriffsvorbereitungen steht erhöhte Aktivität der Banden: vor allem häufen sich die Minenanschläge gegen die Bahnen. Außerhalb des Armeebereichs
hat eine Bandengruppe nach sicherer Quelle den Befehl erhalten, mit allen Kräften Massenzerstörungen von Schienen durchzuführen und mit diesen Anschlägen in der Nacht zum 20. Juni
zu beginnen (s.KTB vom 12.6., Anl. VII 0). Zweifellos haben auch die Banden im Gebiet der 9.Armee diesen Befehl erhalten. Mit zunehmender Aktivität ist daher zu rechnen
(s.Anl.VII 1).
In der Frage der Kräftezuführung zur 9.Armee und der Kräfteverschiebungen innerhalb der Armee sind heute wichtige Entscheidungen gefallen. Die Heeresgruppe kündigt die Verlegung der
20.Pz.Div. in das Armeegebiet als Heeresgruppen-Reserve an, bezeichnet den Wunsch nach Artillerie aber weiterhin als unerfüllbar und sagt dafür zu, eine Zuführung von Sturmgeschützen
zu erwägen (Ia H.Gr. - Ia 9, 23,20 Uhr). Der Wunsch nach Artillerie ist vor allem vom Gen.Kdo. XXXXI.Pz.K. nochmals vorgetragen worden, da es sich artilleristisch nicht stark genug
fühlt und vor seinem schmaleren Abschnitt mehr feindliche Artillerie in Stellung weiß als das XXXV.A.K. (Chef XXXXI. - Ia 9, 19,15 Uhr). Innerhalb der Armee werden daraufhin
außer dem G.R.430 die Armee-Pz.Jg.Abt.743 (ohne 1 Kp.), die II./A.R.63 und nun auch die II./A.R.129 aus dem Bereich des XXXV.A.K. zum XXXXI.Pz.K. verlegt werden (s.Anl.VII 2 und X).
Aus dieser Maßnahme erhellt, daß das AOK den feindlichen Angriffsschwerpunkt weiter südwestlich erwartet als bisher, obwohl man sich an der ganzen Front immer noch nicht abschließend
darüber hat klar werden können, wo der feindliche Hauptschwerpunkt liegen wird.
Heute hat das LV.A.K. mit der 292.I.D, vom Abschnitt der 129.I.D. (XXXXI.Pz.K.) die Front bis südwestl. Ssawin Bog (Tremlja= Knick) übernommen; die Trennungslinien zwischen 129. und
35., zwischen 35. und 36.I.D. sind weiter nach Nordosten gerückt und damit alle drei Divisionsabschnitte des XXXXI.Pz.K. gegenüber dem feindlichen Angriffsschwerpunkt schmaler
geworden. Der Div.Gef.Stand der 707.I.D. ist nach Stupehi, 15 km südostw. Bobruisk, verlegt worden, die Div. selbst soll morgen im Winkel Rollbahn Bobruisk - Rogatschew, Bahn Bobruisk
 - Brosha, also beiderseits der Beresina, versammelt werden (s.Anl. II, Tagesmeldung).
Das AOK gibt in Ergänzung seiner Abwehrvorbereitungen weitere Anweisungen über die einzuhaltende Munitionstaktik. Für Störungsfeuer auf Infanterie- und Artillerie-Aufmarschräume wird
etwa ein Viertel der Erstausstattung freigegeben. Bei feindlichem Trommelfeuer soll auf Bereitstellungsräume und vorgetriebene Annäherungsgräben ebenfalls etwa ein Viertel einer
Erstausstattung verschossen werden können. Zur Abwehr der Feindangriffe selbst muß darüber hinaus für die ersten 24 Stunden eine volle Erstausstattung vorhanden sein (s.Anl.IV).
16.6.1944
KTB 9.Armee.
In zunehmendem Tempo und Umfang schreiten die feindlichen Angriffsvorbereitungen fort. Das Einfließen von Panzerkräften ist gegenüber der 36.I.D. und der Südfront des XXXV.A.K. zu
erkennen. Motor- und Kettengeräusche werden vor der 35. und 36.I.D., der Südfront und dem linken Flügel des XXXV.A.K. gehört. Auch artilleristisch trifft der Gegner Vorbereitungen
für eine Großoffensive: vor der 35.I.D. sind seit dem 14.6. 32 neue Battr. aufgeklärt worden, die HKL dieser Div. lag in der vergangenen Nacht unter heftigem Beschuß, erstmalig auch
mit Kaliber 15 cm. Nachrichten aus sicherer Quelle besagen, daß der Russe Ausbildung an der Gasmaske betreibt und von Geschossen spricht, die nicht berührt werden dürfen. Es ist
also vielleicht sogar mit dem Einsatz von Gas, mindestens von neuartigen Geschossen zu rechnen (s.Anl. IV 4). Auffallend ist in diesem Zusammenhang, daß die 134.I.D. keinerlei
feindliche Artillerie-Massierung oder deren Einschießen meldet.
Eine zusammenfassende Beurteilung der augenblicklichen Lage enthält der heutige Antrag des Oberbefehlshabers an die Heeresgruppe, mit dem die Zuführung von Verstärkungen für die
Armee noch vor Beginn der feindlichen Offensive nochmals dringend erbeten wird. Der OB begründet seinen Antrag damit, daß "der seit dem 3. Juni erkannte, seit dem 10. Juni in
gesteigertem Umfang und Tempo vollzogene Aufmarsch starker Feindkräfte nach bisherigen Unterlagen den Zulauf von mindestens 10 Schützendivisionen und einem Panzerkorps gebracht
hat". Dieser Zulauf hält unvermindert an. Da nach bisherigen Berechnungsunterlagen der Feind bei gleichbleibendem Verkehr täglich 2 weitere Schützendivisionen und 1 Panzerbrigade
oder entsprechende Artillerie-Verbände heranbringen kann, ist der Umfang des Gesamtaufmarsches noch nicht abzusehen. Er richtet sich in steigendem Maße gegen die Front des
XXXXI.Pz.K., also gegen die Armeefront südwestlich der Beresina. Das AOK hat deshalb seinerseits die beabsichtigte Herauslösung der 129.I.D. (vergl. KTB vom 3.6.1944) angehalten und
die dem XXXV.A.K. bereits zur Verfügung gestellten Teile dieser Division dem XXXXI.Ps.K. wieder zugeführt bezw. ihre Zuführung befohlen. Damit ist der Brennpunkt bei Rogatschew
geschwächt, jedoch eine der operativen Bedeutung des Feindschwerpunktes vor dem XXXXI.Pz.K. entsprechende Reservenbildung hinter der Front dieses Korps keineswegs erreicht worden.
Über die Verlegung der 20.Pz.Div.(s.Anl. V 2) und der 707.I.D. in den Armeebereich hinaus wird daher beantragt: die Zuführung je zweier Abteilungen le.F.H. und s.F.H., einer
Abteilung Mörser, eines Werfer-Regiments, einer Sturmgesch.Brigade und einer Tigerabteilung - diese vor allem für die panzergefährdete Nordfront des XXXXI.Pz.K. Außerdem wird
gebeten, 2 voll kampfkräftige Divisionen zur vorübergehenden Stärkung der 9.Armee bereitzuhalten, falls die im Raume Gomel - Kalinkowitschi - Rogatschew anzunehmenden Feindkräfte
ganz und einheitlich zum Ansatz gegen die 9.Armee kommen. Der OB geht dabei von der Überzeugung aus, daß sich die operative Bedeutung der 9.Armee innerhalb der Armeen der
Heeresgruppe Mitte auf Grund des wesentlich veränderten Feindbildes verschoben hat (s.Anl. V 1).
Bisher hat die Heeresgruppe außer der 20.Pz.Div. (s.Anl.V 2) die Zuführung einer einzigen lei.Art.Abteilung (RSO) von der 2.Armee (Ia H.Gr. - Ia 9, 12,35 Uhr) zugesagt und die
Verschiebung der Division "Feldherrnhalle" in den Bereich der Armee in Aussicht gestellt (s.Anl. X, 19.00 Uhr). Die 20.Pz.Div. wird vom 18. Juni an eintreffen (s.Anl. X, 17.30 Uhr).
Die erforderlichen Ablösungen und Bewegungen zur Reservebildung innerhalb des Armeebereichs schreiten fort. Ausdrücklich wird dazu befohlen, daß alle Bewegungen nur bei Dunkelheit
und unter weitgehender Zerlegung durchzuführen sind. Sie sollen am 18.6. abgeschlossen sein (s.Anl.IV 2). Das bisher unmittelbar beim A.H.Qu. untergebrachte Pz.Zerstör-Btl. wird
mit dem Auftrag, Einsatzmöglichkeiten zur Abriegelung feindlicher Panzereinbrüche im Abschnitt der 35., 36., 45., 383.I.D. und der Südfront der 6.I.D. zu erkunden, am morgigen Tage
nach Raduscha verlegt werden (s.Anl.IV 1). Dem Stabe der 707.I.D. wird befohlen, im Einvernehmen mit dem Gen.Kdo.XXXXI.Pz.K. und XXXV.A.K. Einsatzmöglichkeiten zum Abriegeln
feindlicher Einbrüche in den Abschnitten dieser Korps zu erkunden; der Div.Stab mit einem G.R., der Nachr.Abt. und der Pz.Jg.Kp. sollen am 17. und 18. Juni in den Raum um Ugly
- Stassewka (20 km südl. Bobruisk), das andere G.R. in den Raum Shilitschi (33 km ostw. Bobruisk) verlegt werden. Die Art.Abt. der Division wird dem Gen.Kdo. XXXV.A.K. unterstellt
(s.Anl. IV 3). Zur Sicherung der Bahnstrecke Bobruisk -Staruschki und gegebenenfalls als weitere Reserve hinter der Front des XXXXI.Pz.K. soll das Sicherungs-Regt.183 des Korück
vollständig an dieser Bahn entlang eingesetzt werden (s.Anl. X, 19.00 Uhr).
Um auf die s.Qu.-Nachricht hin, daß der Feind sich mit Gasabwehr beschäftigt, auf alle Fälle gewappnet zu sein, befiehlt der OB, vorausschauend Abwehrmaßnahmen gegen etwaige
Gasangriffe zu treffen, wobei er die seelische Abwehrbereitschaft der Truppe besonders betont (s.Anl. IV 4).
   
18.6.1944
KTB 9.Armee.
Ein abschließendes Bild vom Stande der feindlichen Aufmarschbewegungen läßt sich durch die heutige Luftaufklärung noch nicht gewinnen. Jedoch ist die feindliche
Angriffsbereitschaft erheblich weit fortgeschritten. Dafür liegen viele Anzeichen vor: vor der Front der 35. und 36.I.D., also im vermutlichen feindlichen
Hauptangriffsschwerpunkt, sind mehrfach frontwärtige Bewegungen und weiteres Vorschanzen zu beobachten. Die Feindstellungen ostwärts Wjunischtsche, am linken Flügel der 129.I.D.,
und bei Wossohod (383.I.D.) sind stark besetzt. Geräusche von Motoren und Kettenfahrzeugen vor der 35.I.D. halten die ganze Nacht über bis morgens 6.00 Uhr an, am Tage werden
Motorengeräusche bei Derbin,im Mittelabschnitt der 129.I.D., gehört. Auch aus den Räumen ostw. Shlobin, ostw. Rogatschew und ostw. des Drutbrückenkopfes ist starker Lärm von
Motorfahrzeugen, zum Teil von Kettenfahrzeugen vernehmbar. Die feindliche Artillerietätigkeit lebt nun auch beim LV.A.K., bei Iwaschkowitschi und Kopatkewitschi (292.I.D.) sowie
bei der 296. und 134.I.D. (XXXV.A.K, ) auf. Auf den Abschnitt der 134.I.D. schießt der Gegner mit Phosphorgranaten. Bei der 45.I.D., an der Südfront des XXXV.A.K., hält das
starke feindliche Feuer an; hier wiederholt der Feind in den frühen Morgenstunden seine örtlichen Angriffe gegen die Gefechtsvorposten, die er diesmal westlich der Insel
Choijun zweimal in Kp.Stärke, allerdings Vergeblich, angreift. Das AOK drängt darauf, daß die Gefechtsvorposten ostwärts der Insel ihre verlorene Stellung zurückgewinnen.
Es kann nicht zugelassen werden, daß der Feind Verbesserungen seiner Ausgangsstellungen vornimmt (Chef 9 - Ia XXXV., 11.20 Uhr). Außerdem befiehlt der OB mit Nachdruck, daß die
feindlichen Artilleriestellungen, soweit sie erkannt sind, bekämpft und von beiden Korps (XXXX . und XXXV.A.K.) hierfür mindestens je 3000 Schuß am Tage verfeuert werden
(Ia 9 - Harko, 19.00 Uhr). Der OB wird bei seinem morgigen Besuch beim Feldmarschall Gelegenheit nehmen, eine Sonderzuweisung von Munition für diesen Kampfauftrag zu beantragen.
Ob und in welchem Umfange der Feind gegenüber der 134.I.D. oder auch an anderen Stellen Raketengeschütze bereitgestellt hat, ist mit Sicherheit noch nicht aufgeklärt worden.
Jedenfalls vereinbart der Ia mit der Luftflotte, daß dem AOK täglich, möglichst für mehrere Tage im voraus, die vermutlichen Windrichtungen und Windstärken übermittelt werden,
damit sich die Wirksamkeit etwaiger Gas- oder Nebelangriffe vorausschauend abschätzen läßt (Ia 9 - Chef-Meteorologe der Luftflotte 6, 16.30 Uhr).
Aus sicheren Quellen verlautet, daß Marschall Shukow gegenüber der 134.I.D. den russischen Graben besuchte und an Stelle des bisherigen OB der drei weißrussischen Fronten,
Rokossowisky, der angeblich erkrankt ist. den Oberbefehl über diese Fronten übernommen haben soll (Ic).
Sicherung und Reservenbildung an der nördlichen Armeenaht (Trennungslinie zur 4.Armee) sind unbefriedigend (Chef-Ia XXXV, 11,20 Uhr); das dortige Waldgelände reicht gefährlich
tief hinter die Front der 134.I.D.: überdies liegt in der Gegend der Trennungslinie häufig bis etwa 5.00 Uhr morgens Bodennebel (OB - Kom.Gen.XXXV., 19.40 Uhr). Die Anschluß-Div.
der 4.Armee, die 57.I.D., hat 3 Btle. herausziehen müssen und kann nur zwei Kpn. als Nahtsicherung bei Rekta bereitstellen (Chef 9 - Chef 4, 11,25 Uhr). Auf Antrag der 9.Armee
erklärt sich die H.Gr.Mitte daher damit einverstanden, daß das G.R.727 der 707.I.D., das als Heeresgruppenreserve hinter der Ostfront des XXXV.A.K. steht, weiter nach Norden in
die Gegend Ossownik - Kruschinowka=See verlegt wird (Ia 9 - Ia H.Gr., 16,45 Uhr und Anl.IV 1). Auf Befehl der H.Gr. ist ein Sich.Rgt. mit 3 Btl. vorsorglich auf seinen möglichen
Einsatz in der Front vorzubereiten.(FS. der H.Gr. vom 15.6., 23.50 Uhr). Das AOK hat das Sich.Rgt.183 des Korück vorgesehen und plant seine Versammlung in Gegend Ptitsch=Brücke
der Eisenbahn Bobruisk - Staruschki mit der Absicht, mit diesem Rgt. und dem G.R.232, das als Armeereserve beim LV.A.K. steht, später vielleicht einmal die ganze 292.I.D.
herauszulösen, vorausgesetzt, daß der Feind seinen Angriff nicht auch auf dieses Korps erstreckt (s.Anl. V 1 und Anl. X, 19,15 Uhr). - In der Stärkung der Schwerpunktkorps und
in der Reservenbildung sind weitere Fortschritte und Veränderungen zu verzeichnen: das Gen.Kdo.XXXV.A.K. wird noch das gesamte G.R.519 aus der Front ziehen; bisher stehen erst
2 Kpn. in Reserve hinter der Mitte 296.I.D. (OB - Kom.Gen.XXXV.A.X.,. 19.40 Uhr). Das G.R.130, bisher Armeereserve hinter der 296. und 134.I.D., wird dem Gen.Kdo.XXXV.A.K. als
Korpsreserve überlassen (s.Anl. X, 19.15 Uhr). Die Art.Abt. der 707.I.D. (I./A.R.657) hat das AOK der 296.I.D. unterstellt (s.Tagesmeldung, Anl. II). Diese Division selbst
verlegt ihren Gefechtsstand nach Korolewskaja Ssloboda 1 (25 km südl. Bobruisk, auf dem Westufer der Beresina), um der 20.Pz.Div. Platz zu machen, deren Gefechtsstand nach Stupeni
(12 km südostw. Bobruisk) kommt, indessen die 20.Pz.Div. selbst im Raum und den Orten Titowka, Stupeni, Malinowka, Mal.Bortnik, Sabolje, Chomitschi, Kotritschi, Dubrowa, Ostufer
der Beresina, also beiderseits der Rollbahn Bobruisk - Mogilew und um den Korps-Gef.Stand XXXV.A.K. herum versammelt wird (s.Tagesmeldung Anl.II). Die ersten vier Züge dieser Div.
sind eingetroffen (s.Tagesmeldung, Anl.II).
Um das XXXXI.Pz.K., vor dessen Front bis heute 115 neue Feind-Bttrn. aufgeklärt worden sind (s.Anl.X, 19,15 Uhr) weiterhin mit armeeeigenen Kräften artilleristisch zu verstärken,
werden ihm heute auch noch die II./A.R.129 und die 3./A.R.817 (Langrohr-Bttr.) zugeführt (s.Anl. VII 1, 2).
Damit hat das AOK auf Kosten des LV. und XXXV.A.K. alles zur artilleristischen Vorbereitung des XXXXI.Pz.K. auf die feindliche Offensive getan, was es in der augenblicklichen
Lage tun und verantworten kann. Der OB wird bei seinem morgen Besuch beim Feldmarschall auch die Frage weiterer Zuführung von Artillerie zum wiederholten Male anschneiden.
Jedoch darf nicht damit gerechnet werden, daß die H.Gr. noch Kräfte zur Verfügung stellen kann, da der Feind Verstärkung auch vor der 2.Armee zuführt und diese Armee mit
zunehmender Abtrocknung der Pripjet-Sümpfe ihre Front verdichten muß. Auch bei der 4.Armee, vor allem an der Autobahn Smolensk - Borissoff und bei der 3.Pz.Armee zeichnen sich
feindliche Angriffsschwerpunkte ab (OB - Chef, 11.00 Uhr).
19.6.1944
KTB 9.Armee.
Die Anwesenheit Marschall Shukows als Oberbefehlshaber der Feindfront gegenüber dem Abschnitt der H.Gr.Mitte wird durch die Aussage eines gefangenen russischen Fliegers bestätigt.
In diesem Zusammenhang erinnert man sich an eine etwa 14 Tage zurückliegende Meldung des Londoner Rundfunks, wonach die russische Sommeroffensive dieses Jahres eine Überraschung
bezüglich ihrer Zielrichtung bringen werde. Die alte Zielrichtung Südwest (Lemberg, Balkan) scheint zugunsten der Zielrichtung Nordwest, dh. zugunsten der Rückeroberung
Weißrußlands vorläufig aufgegeben worden zu sein. Wie Gefangene immer wieder aussagen, betont der politische Unterricht für die Rotarmisten die Befreiung der noch besetzten Teile
und die Erreichung der alten Grenzen der Sowjetunion als erstes Ziel. Die neue Zielrichtung entspricht auch der bolschewistischen Kriegsführung, die mit Offensiven in
bandenverseuchte und aufständische Gebiete gute Erfahrungen, gemacht hat. Wie eng die Aufträge an die Banden mit der neuen Offensive gekoppelt werden, läßt sich schon aus dem
Befehl entnehmen, Massenanschläge gegen die Eisenbahnen durchzuführen (vgl.KTB vom 15.6.44). Nach s.Qu. hat der Zentralstab der Bandenbewegung am 18.Juni folgenden Befehl gegeben:
"In den nächsten Tagen beginnen die Kampfhandlungen der amerikanischen Luftstreitkräfte auf die Luftstreitkräfte des Gegners -im vorläufig noch unbesetzten Gebiet." Es wird den
Banden befohlen, notgelandeten amerikanischen Fliegern jede Hilfe zuteil werden zu lassen und sie in sowjetisches Gebiet abzuschicken (s.Anl.VII 3).
Der Schwerpunkt der feindlichen Offensive dürfte sich also zweifellos bei der Heeresgruppe Mitte befinden. Der Eisenbahnaufmarsch des Gegners hält im bisherigen Umfang an und
läuft in die bisherigen Schwerpunkte s. der Beresina und n. Rogatschew aus. Die Bewegungen und Motorgeräusche vor der gesamten Front des XXXXI.Pz.K., vor der 45.I.D., o. Shlobin
und zwischen Rogatschew und Blisnezy halten an; vor der 383.I.D. (Südfront des XXXV.A.K.) lebt der Verkehr ebenfalls wieder auf. Der feindliche Artilleriebeschuß auf die
Abschnitte der 35. und 134.I.D. hat sich verstärkt. Zahlreiche Salvengeschützstellungen im Schwerpunkt vor dem XXXXI.Pz.K. sind aus der Luft aufgeklärt worden. Mit Großeinsatz
von Nebel muß gerechnet werden. Gesteigerte Bekämpfung der feindlichen Artillerieräume wird ausdrücklich befohlen, den Gen.Kdos.XXXXI. Pz.K. und XXXV.A.K. werden für die nächsten
24 Stunden weitere je 2000 Schuß le.F.H. hierfür zugewiesen (s.Anl.VII 1 und 2). Der Feldmarschall sagt für den morgigen Tag eine einmalige ganz besondere Zuteilung von 18 000
Schuß le.F.H. zu (F.M. - OB, 19.05 Uhr).
Auf dem linken Flügel der 129.I.D. (XXXXI.Pz.K.) hat der Feind heute mit neuartiger MG-Munition geschossen. Das Geschoß knallt stärker als übliche Munition, entwickelt bei seinem
Aufschlag eine Detonation, die etwa ein Viertel so stark wie die Detonation einer Handgranate ist, und eine bläuliche Flamme in der Größe eines Medizinballs hat. Diese Munition
ist bisher nur sei Dunkelheit angewandt worden, ihre Splitterwirkung ließ sich nicht feststellen (s.Anl.II, Tagesmeldung).
Für das XXXXI.Pz.K. fordert der OB von der Heeresgruppe mindestens noch je eine Abteilung Ie.F.H., s.F.H. und Mörser (OB - Harko, 10.35 Uhr). Die H.Gr. teilt jedoch gegen Abend
mit, daß über Zuführung von
Artillerie noch keine neue Entscheidung gefallen sei; die Forderung des AOK nach Panzerzügen für die Strecke Bobruisk - Staruschki dagegen solle erwogen und eine
Sturmgeschütz-Brigade der 4.Armee werde so bereitgestellt werden, daß sie auch bei der 9.Armee Kampfaufträge übernehmen könne (Ia H.Gr./Ia, 18.00 Uhr). Alle Forderungen der Armee
nach infanteristischer Verstärkung werden jedoch von der Heeresgruppe mit dem Satz abgelehnt: "Wir können nicht unsere einzigen zwei Divisionen hinter der 9.Armee aufstellen"
(Ia H.Gr. - Chef 9, 9.00 Uhr).
Auf die Nachricht aus s.Qu. hin, daß sich der Gegner mit Gasabwehr befasse, hatte das AOK angefragt, ob man deutscherseits nicht daran denken müsse, die für den Fall der Eröffnung
des Gaskriegs vor kurzem ausgegebenen Stichworte nunmehr in Kraft zu sehen. Die H.Gr. teilt dazu mit, daß es sich bei den Stichworten nach wie vor um einen allgemeinen Hinweis
handele (Ia H.Gr./Ia, 18.30 Uhr).
Im Zuge der Reservenbildung im Abschnitt südlich der Beresina ist ein Btl. G.R.232 (LV.A.K.) durch Teile des Armeesturm-Rgts. nunmehr herausgelöst wordon (s.Anl. II, Tagesmeldung).
Das G.R.232 soll nach völligem Herauslösen als Armeereserve im Raum Leski - Gat - Kurin -Kowali (an der Trennungslinie 292./129.I.D.) mit dem Auftrag verlegt werden,
Einsatzmöglichkeiten im Abschnitt Kopatkewitschi - Korma (292. bis Mitte 35.I.D.) zu erkunden (s.Anl.IV 1). An den Korück ergeht der Befehl, das Sich.Rgt.183 bis zum 23.6. zur
Verfügung der Armee hinter der Eisenbahn Bobruisk - Staruschki in die Orte Salaweny, Poretschje und Bol.Demenka zu verlegen. Dies Regiment erhält den Befehl, sich auf die
Herauslösung eines Rgt. der 292.I.D., auf die Abriegelung etwaiger feindlicher Einbrüche im Abschnitt Kopatkewitschi - Korma (wie G.R.232) und auf den Schutz der Bahnstrecke
zwischen Nowosselki und Tschernyje Brody einzustellen. Das Rgt. hat ferner die Eisenbahnbrücke über den Ptitsch bei Bol.Demenka stark zu sichern (s.Anl.IV 2). —
Von der 20.Pz.Div. sind weitere 12 Züge eingetroffen.
Der Komm.Gen.des XXXV.A.K., Gen.d.Inf.Wiese, ist abberufen worden, um die 19.Armee in Südfrankreich als OB zu übernehmen (IIa -Chef, 18,45 Uhr). Mit dem Stolz über diese
Auszeichnung verbindet die 9.Armee leider die Gewißheit, daß das Ausscheiden dieses an den Erfolgen der 9.Armee maßgebend beteiligten Generals im Hinblick auf die bevorstehende
Feindoffensive ein schwerer Verlust für sie ist.
20.6.1944
KTB 9.Armee.
Wie die Heeresgruppe mitteilt, haben die in den rückwärtigen Gebieten der 2. und 4.Armee sowie im Bereich des Wehrm.Befh.Weißruthenien befindlichen Banden in der vergangenen
Nacht - offenbar auf Grund einer zentralen Moskauer Weisung - schlagartig eine Großaktion gegen die deutschen Versorgungsbahnen und -Stützpunkte unternommen: insgesamt sind
über 5000 Sprengstellen gezählt worden. Man hat von dieser Absicht allerdings erfreulicherweise so rechtzeitig Kenntnis erhalten, daß es gelungen ist, eine große Anzahl von
Minen auszubauen und die z.T. mit starken Kräften gegen die einzelnen Bahnhöfe und Stützpunkte gerichteten Überfälle erfolgreich abzuwehren (s.Anl. V 1). Da man jedoch aus
verläßlichen Nachrichten weiß, daß der Gegner diese Aktion fortzusetzen gedenkt, und zwar auch in den bisher noch nicht betroffenen Gebieten wird vom AOK mit sofortiger
Wirkung ein verstärkter Streckenschutz unter Heranziehung aller in der Nähe von Bahnlinien liegenden Truppen angeordnet, wobei gleichzeitig darauf hingewiesen wird, daß durch
die für einen solchen Fall vorbereitete Aufstellung von Alarmeinheiten aus den Versorgungstruppen die Bewachung der Lager und der sonstigen Versorgungseinrichtungen nicht
beeinträchtigt werden dürfe, da ja auch hier mit Bandenüberfällen gerechnet werden muß (s.Anl. IV l).
Man weiß aber auch, daß diese Großaktionen der fanden nach der Planung der sowjetisch in Führung den Auftakt der feindlichen Offensive zu bilden bestimmt sind, und aus diesem
Grunde ist man beim AOK der Auffassung, daß der Zeitpunkt des zu erwartenden Großangriffs nunmehr in allernächste Nähe gerückt sei. Mit höchster Aufmerksamkeit beobachtet und
prüft das AOK deshalb an Hand aller vorhandenen Aufklärungsergebnisse laufend das Feindbild, vor allem um vielleicht doch noch zu einer eindeutigen Klärung der nun schon seit
Tagen über den Entschlüssen der Armeeführung schwebenden Frage zu gelangen, ob der Hauptstoß des Feindes beim XXXXI.Pz.K. oder ob er an der Ostfront des XXXV.A.K. zu erwarten
sei. Die neuesten Luftaufklärungsergebnisse zeigen, daß sich vor dem linken Abschnitt des XXXXI.Pz.K, 160 feindliche Batterien in Stellung befinden, weiterhin deutet das
heute auch im mittleren und linker Abschnitt der 129.I.D. auffällig stärker gewordene gegnerische Störungsfeuer auf die Möglichkeit einer weiteren Ausdehnung der feindlichen
Angriffsvorbereitungen nach Süden hin (s.Ic-Zwischenmeldung und Anl. VII 6). Beim AOK wird infolgedessen, da der größere feindliche Stoß hiernach möglicherweise beim
XXXXI.Pz.K. erwartet werden kann, eine Änderung der Artilleriegruppierung durch Verschiebung einer Mörs.Abt. und gegebenenfalls noch je einer Abt. der Art.Rgter.45 und 383
von XXXV.A.K. zum XXXXI.Pz.K. erwogen (Ia/Harko, 19.00 Uhr).
Gegen Abend allerdings treffen beim AOK Ergebnisse der Nachrichten-Drahtaufklärung aus dem Abschnitt der 296.I.D. (XXXV.A.K.) ein, die einerseits, auch obgleich sie nur aus
einem verhältnismäßig schmalen Frontabschnitt nördlich Rogatschew stammen, die Aufmerksamkeit der Führung wieder erheblich auf die Ostfront der Armee lenken, andererseits
aber den Schluß eines ganz kurz bevorstehenden Angriffsbeginns zulassen (s.Anl. VII 3), der gegebenenfalls für die gesamte Armeefront schon morgen bevorsteht.
Diese Nachrichten lassen die endgültigen Entschlüsse des Oberbefehlshabers nun doch anders lauten. Der Plan zur Abziehung von Artillerie der 45. und 383.I.D. wird fallen
gelassen, dafür soll eine Stärkung der Artillerie des XXXXI.Pz.K. durch Heranziehung von Teilen der 20.Pz.Div. erfolgen. Die Heeresgruppe hat - in teilweiser Bewilligung des
vom AOK dazu gestellten Antrages auf Freigabe zweier Abteilungen das Pz.Art.Rgt.92 (20.Pz.Div.) - die Genehmigung zum Einsatz einer Abteilung erteilt; diese Abteilung
(II./Pz.A.R.92) soll nun morgen in aller Frühe zum XXXXI.Pz.K. in Marsch gesetzt werden und im Abschnitt der 35.I.D. unter Aufrechterhaltung jederzeitiger
Rückmarschbereitschaft in Stellung gehen (s.Anl. VII 4). Ferner wird dem Gen.Kdo. XXXV.A.K. befohlen, die Mrs.Abt.858 zur Verstärkung des artilleristischen Schwerpunktes bei
der 35.I.D. dem XXXXI.Pz.K. zuzuführen, allerdings erst dann, sobald für morgen mit einem Großangriff beim XXXV.A.K. nicht mehr gerechnet zu werden braucht, was erfahrungsgemäß
schon in den frühen Vormittagsstunden mit einer gewissen Sicherheit wird entschieden werden können (s.Anl. VII 5). Zusätzlich gibt der OB den beiden Schwerpunktkorps je ein
größeres Munitionskontingent zur Durchführung von Artillerie-Feuerschlägen auf die vermuteten feindlichen Bereitstellungsräume frei. An weiteren Maßnahmen wird vom AOK für den
Fall feindlicher Angriffserfolge nochmals eine 'sorgfältige Überprüfung der Sperrkalender, insbesondere für die von Osten auf Bobruisk führenden Straten und die Bahnstrecke
Shlobin - Bobruisk angeordnet (s.dazu Anl. VII 7-9 und Anl. X Chef/A.Pi.Fü., 21.6.44, 0,50 Uhr). Für die im Raum um Bobruisk liegenden beiden Reserve-Divisionen (20.Pz.Div.
und 707.I.D.) ist zweistündige Alarmbereitschaft befohlen, einerseits um sie erforderlichenfalls schnellstens einsetzen zu können, andererseits im Hinblick auf die Möglichkeit
eines Feindangriffs mit Fallschirm- und Luftlandetruppen, der insbesondere der Wegnahme des Verkehrsknotenpunktes Bobruisk gelten könnte (vergl.Anl. VII 10). Das AOK selbst
hat für den Bereich seines Hauptquartiers ebenfalls alle Vorbereitungen getroffen, um einem solchen Fall das Überraschungsmoment zu nehmen, und auch für den Fall eines
Luftangriffs ist durch den Bau zahlreicher Bunker die Aufrechterhaltung jederzeitiger Arbeitsbereitschaft sichergestellt worden.

21.6.1944
KTB 9.Armee.
Der erwartete feindliche Angriff beginnt noch nicht. Zwar hat der Gegner im Bereich der Nachbararmeen schon einige Angriffe kleineren Ausmaßes geführt (s.Anl V 1 und VII 4),
im eigenen Abschnitt dagegen kommt es noch zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen. Gründe zu einer Änderung der Feindbeurteilung liegen allerdings weder hinsichtlich des
weiterhin als kurz bevorstehend anzusehenden Angriffszeitpunktes noch hinsichtlich der zu erwartenden Angriffsschwerpunkte vor. Bei XXXXI. Pz.K. ist durch Stoßtruppaufklärung
festgestellt worden, daß der Feind in der vergangenen Nacht gegenüber den inneren Flügeln der 129. und 35.I.D. zwei Gardeschtz.Div., also eine als besonders stark zu bewertende
Stoßgruppe, in seine Front eingeschoben hat (s.Ic Zwischenmeldung). An der Ostfront des XXXV.A.K. halten die lebhaften feindlichen Bewegungen an, auch Panzer sind, wie in den
Vortagen, wieder zu beobachten. Das Gen.Kdo. XXXV.A.K. hat eine Art.Abt. (I./A.R.36) an den linken Korpsflügel verschoben, da dort weder die eigenen noch die hinter dem
Südflügel der 4.Armee stehenden Reserven besonders stark sind (Komm.Gen. XII/OB, 21.30 Uhr) und ein größerer feindlicher Angriffserfolg in diesem Abschnitt sich leicht zu einer
kräftezehrenden Belastung der Gesamtverteidigung auswirken könnte, was auf jeden Fall vermieden werden muß. Das AOK hat das AOK 4 mehrfach auf diesen Gefahrenpunkt hingewiesen.
Über das Feindbild vor der Südfront des XXXV.A.K. besteht wegen der geländebedingten Schwierigkeit einwandfreier Luftaufklärung immer noch keine volle Klarheit; immerhin
erscheinen Angriffe aus dem vermutlichen Bereitschaftsraum des Gegners im Waldgebiet nördlich Schazilki nach wie vor durchaus möglich.
Als voraussichtliches Angriffsdatum hat der morgige Tag schon deshalb eine besonders große Wahrscheinlichkeit, da er der dritte Jahrestag des Ostfeldzug-Beginns ist und der
Feind vielleicht gerade diesen Tag als historisches Datum zum Anfangstag seiner diesjährigen Sommeroffensive bestimmt hat; oft genug ist in Aussagen von Gefangenen und
Überläufern sowie in Ergebnissen der Nachrichtenaufklärung davon die Rede gewesen. Die Vermutung, daß morgen der sowjetische Großangriff beginnen könnte, wird ferner dadurch
bestätigt, daß in der vergangenen Nacht nun auch im rückwärtigen Gebiet der Armee die Bandentätigkeit schlagartig zugenommen hat: nach bisherigen Meldungen ist es an der jetzt
aus gebauten, aber noch nicht befahrenen Strecke Staruschki - Uretschje zu insgesamt über 500 Minenanschlägen gekommen, von denen allerdings etwa die Hälfte hat verhindert
werden können (s.Anl. VII 5).
Das AOK ergänzt seine Maßnahmen zur Vervollkommnung der Abwehrbereitschaft noch durch weitere Befehle: Im Hinblick auf die Feststellung der beiden Gde.Divisionen beim XXXXI.Pz.K.
erscheint die schnelle Einsatzbereitschaft der in dessen Abschnitt stehenden Armeereserven (G.R.232 und Sich.Rgt.183) besonders vordringlich; sie werden deshalb auf zweistündige
Alarmbereitschaft gestellt.(s.Anl.IV 1). Darüber hinaus werden vom AOK Anweisungen an die Gen.Kdos, gegeben, die der Sicherstellung einer reibungslosen Meldungserstattung durch
Funk im Falle eines Ausfalls von Drahtverbindungen dienen sollen (s.Anl.IV 2 und VII 1). Beide Gen.Kdos, erhalten nochmals eine zusätzliche Munitionszuweisung (s.Anl. VII 2) -
im übrigen haben die Truppen Großkampfgliederung eingenommen.
22.6.1944
KTB 9.Armee.
Die Vermutung, daß der Feind am dritten Jahrestag des Ostfeldzugsbeginns mit seiner diesjährigen Sommeroffensive beginnen würde, scheint sich zu bestätigen. Dies gilt allerdings
noch nicht für die Front der 9.Armee, vor der der Gegner sich auch heute noch ruhig verhält, dafür hat er am Nordflügel der H.Gr.Mitte (3.Pz.Armee) seinen Großangriff und auch
bei der 4. und 2.Armee mit Vorangriffen und Aufklärungsstößen begonnen (s.Anl. V 3).
Das AOK verfolgt die Entwicklung der Lage an der übrigen Front der Heeresgruppe mit großer Aufmerksamkeit, nicht zuletzt um vielleicht aus dem dort zu Tage tretenden
Angriffsverfahren Folgerungen für die eigene Abwehr zu ziehen, Im übrigen herrsche die Überzeugung," daß der Feind sich offenbar von seinen heutigen Teilangriffen bei den
Nachbararmeen eine Bindung der dort stehenden Kräfte verspricht und vielleicht sogar eine Anziehung und Festlegung von Reserven erhofft, um dann mit seinem Angriff auf die
Armeefront um so größere Erfolge zu haben. Das AOK ist nach wie vor im Hinblick auf die grundlegende Änderung des Feindbildes der Überzeugung, daß der Hauptstoß der bevorstehenden
sowjetischen Offensive bei der 9.Armee zu erwarten sei.
Das AOK nutzt deshalb den Tag zur weiteren Vervollkommnung der Abwehrvorbereitungen. An die Heeresgruppe wird der Antrag gerichtet, zur Verstärkung der Artilleriewirkung am
Nordflügel der Armee noch die schwere Art.Abt. der 20.Pz.Div. heranzuziehen und einsetzen zu dürfen (Chef/Ia op.H.Gr,, 20.00 Uhr), was die Heeresgruppe jedoch ablehnt. Daraufhin
legt das AOK dem Gen.Kdo. XXXV.A.K. nahe, mit eigenen Mitteln eine artilleristische Stärkung seines linken Flügels vorzunehmen. Gerade dieser Frontabschnitt wird nach wie vor vom
AOK nicht zuletzt wegen der Schwäche des Südflügels der 4.Armee mit besonderer Sorge betrachtet, da der Armee selbst die Kräfte fehlen, um dort mit Zuversicht einem größeren
feindl. Angriff entgegensehen zu können.
Gegen Abend treffen neue Luftaufklärungsergebnisse ein, die das Bild feindlicher Angriffsbereitschaft bestätigen. Die Auswertung der vor dem XXXXI.Pz.K. erflogenen Luftbilder hat
eine erhebliche Anzahl weiterer, bisher noch nicht erkannter Feindbatterien vor den inneren Flügeln der 129. und 35.I.D. ergeben. Den Hauptschwerpunkt der feindlichen Angriffe
scheint man deshalb beim XXXXI.Pz.K. erwarten zu müssen. Das führt dazu, daß die 20.Pz.Div. in erster Linie auf einen Einsatz südlich der Beresina eingestellt wird; sie erhält
Anweisung, die dorthin führenden Wege bereits jetzt vorausschauend zu erkunden und vorbeugende Maßnahmen zum Luftschutz der Beresina-Brücken zu treffen. Als kurz nach Mitternacht
von den Auswertestellen der Luftwaffe mitgeteilt wird, daß nach der endgültigen Auswertung über 200 Feindbatterien mit Sicherheit erkannt sind, wird - mit Genehmigung der H.Gr. -
der 20.Pz.Div. Marschbereitschaft ab 4.00 Uhr morgens befohlen. Wiederum sind ferner außer dem täglichen Kontingent Sonderzuweisungen an Munition zur Artilleriebekämpfung erfolgt
(s.Anl.VII 1 und 2).
Die Spannung, wann der feindliche Großangriff nun auch vor der 9.Armee losbrechen wird, ist beträchtlich. Unablässig gelten die Gedanken der Führung der letzten Überprüfung
aller getroffenen Maßnahmen.
Man darf jedoch nach allem, was veranlaßt ist, überzeugt sein, das. im Rahmen mit den verfügbaren Kräften Mögliche getan zu haben.

Zum Beginn des vierten Jahres des Ostfeldzuges:
Überblick zur Lage
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Die 9.Armee sieht am Vorabend einer neuen gewaltigen Schlacht, über deren Ausmaß und Dauer nur Mutmaßungen möglich sind. Eines ist jedoch sicher: Der Feind hat vor der Armeefront
in den letzten Wochen und Tagen einen Aufmarsch allergrößten Stils durchgeführt und das AOK ist der Überzeugung, daß dieser Aufmarsch selbst die feindliche Kräftemassierung vor
dem Nordflügel der H.Gr.Nordukraine in den Schatten stillt. Oft genug hat der Gegner in aller Öffentlichkeit darauf hingewiesen, daß sein nächstes Ziel die Zerschlagung und
Vertreibung der noch auf russischem Boden stehenden deutschen Truppen sei, und Stalin selbst hat mehrfach im Verlaufe der Kriege der UdSSR den Stoß in diejenigen Gebiete als
Prinzip der bolschewistischen Strategie bezeichnet, in denen die Zivilbevölkerung der angreifenden Roten Armee Hilfsstellung leistet. Das AOK hat sich deshalb verpflichtet gefühlt,
mehrfach darauf hinzuweisen, daß es den vor seiner Front vollzogenen Feindaufmarsch für die Vorbereitungen der diesjährigen sowjetischen Hauptoffensive hält, deren Ziel die
Rückeroberung Weißrutheniens ist. Leider kommt zu der übermässigen feindlichen Angriffsdrohung hinzu, daß infolge der umfangreichen Verlagerung eigener Kräfte in den Abschnitt
Kowel - Tarnopol, wo der feindliche Erst- und Hauptschwerpunkt auf Grund des seit Mitte März im Gange befindlichen sowjetischen Aufmarsches vom OKH immer noch angenommen wird,
die Heeresgruppe Mitte und mit ihr die 9.Armee keineswegs über eine ausreichend starke Front oder auch nur annähernd genügende Reserven verfügt, um für eine erfolgreiche
Verteidigung garantieren zu können.
Die 9.Armee hat oft genug gegen eine feindliche Übermacht gekämpft und sich immer heldenhaft geschlagen, so daß ein entscheidender operativer Durchbruch dem Feind an ihrer
Front niemals gelang. Vielmehr sind dem Gegner gerade in den Abwehrschlachten ungeheuere Verluste zugefügt worden, da das immer wieder erfolgende Frontmachen der sich absetzenden
Truppen ihn zum Anrennen zwang, ohne ihn zum geballten Dauereinsatz seiner Überlegenheit kommen zu lassen.
Auch in der jetzigen Lage ist das AOK davon überzeugt, daß man die feindliche Offensive würde abfangen können, allerdings nicht unter der bisherigen Kampfanweisung, dem
unbedingten Verteidigungsauftrag. Die Armee hat die ihr auferlegten Abgaben an den Südflügel der Heeresgruppe willig geleistet, solange der feindliche Aufmarsch sich ausschließlich
dorthin richtete; es kann allerdings kein Zweifel daran bestehen, daß ihre Verteidigung nach dem nunmehr grundlegend geänderten Kräftebild im Falle eines Losbrechens der
sowjetischen Großoffensive auf die 9.Armee entweder zwangsläufig in einen hinhaltenden Widerstand übergehen oder zum unvermeidlichen Zusammenbruch der Front führen muß, da
angesichts des allgemeinen Kräftemangels an eine sichere Abriegelung tiefer Feindeinbrüche nicht zu denken ist, so daß einerseits die Gefahr von Einschließungen besteht,
andererseits aber die feindlichen Verluste nicht in einem das gegenseitige Kräfteverhältnis übersteigenden Maß gehalten werden können, worin z.Zt. allein die Zwecksetzung und der
Erfolg des Abwehrkampfes bestehen kann und muß. Die Anschauung, daß durch das unbedingte Stehenlassen nicht angegriffener bzw. nicht zurückgedrückter Frontabschnitte auch
feindliche Kräfte gebunden würden, teilt das AOK nicht, solange der Feind, wie es augenblicklich der Fall ist, mit einem eigenen Angriff größeren Ausmaßes aus diesen
Abschnitten nicht zu rechnen braucht und sicherlich auch nicht rechnet. Das AOK hofft deshalb, falls der feindliche Generalstoß zum Erfolg führen sollte, auf eine sofortige
Änderung seiner Kampfanweisung.
Für besonders gefährlich hält das AOK die Befehle, durch die den größeren Orten im Kampfgebiet die Eigenschaft "Fester Platz" zuerkannt worden ist. Die Forderung, daß diese
"Festen Plätze" sich im Falle einer Umfassung einschließen lassen sollen, "um die feindlichen Angriffskräfte auf sich zu ziehen und als Richtungspunkte für spätere Gegenangriffe
zu dienen", bedeutet nach Ansicht des AOK eine noch schärfere Blockierung aller Führungsmaßnahmen als der allgemeine Verteidigungsauftrag und kann sich in der augenblicklichen
Lage, in der alles solange auf elastische Kampfführung ankommt, bis eigene Verstärkungen herangekommen sind und der feindliche Angriffsschwung nachgelassen hat, noch nachteiliger
auswirken als dieser.
Es ist deshalb ein bitteres Gefühl, mit dem das AOK dem kommenden Großkampf entgegensieht: Das Bewußtsein, durch Befehle, von deren Richtigkeit es nach bestem Gewissen nicht
überzeugt sein kann, an Kampfmethoden gekettet zu sein, die in früheren eigenen siegreichen Feldzügen die Ursache der feindlichen Niederlage waren -die Erinnerungen an die großen
Durchbruchs- und Umfassungsschlachten in Polen und Frankreich und an das rasche Vorbeistoßen der eigenen Panzerdivisionen an befestigten Plätzen des Feindes werden wieder wach-,
läßt den kommenden Ereignissen mit Sorge entgegensehen. Das AOK bedauert, daß die Heeresgrüppenführung den eroberten russischen Raum offenbar licht so als Führungspotential gegen
die feindliche Übermacht einzusetzen gewillt ist, wie es nach den zeitlosen Grundgesetzen der taktischer und operativen Kampfführung und nach seiner eigenen Überzeugung notwendig,
möglich und allein erfolgversprechend wäre.
Diese Gedanken, die in zahlreichen Besprechungen und Ferngesprächen vom Oberbefehlshaber und vom Chef des Stabes mehrfach und eindringlich der Heeresgruppe vorgetragen worden
sind, sind leider dort anscheinend nicht auf den Mut zur nachdrücklichen Vertretung nach oben gestoßen, denn man hat ihnen außer dem bloßen Hinweis auf die vom OKH gegebenen
Befehle wirklich beweiskräftige Gegengründe nicht entgegenhalten können. Das aber ist es, was den tiefsten Grund zu den Sorgen bildet, mit denen das AOK die Zukunft betrachtet
Trotz all dieser Sorgen jedoch denkt das AOK aber auch mit Stolz gerade jetzt wieder an die Abwehrerfolge, zu denen es in den nunmehr drei Jahren des Ostfeldzuges die ihm
unterstellten Truppen trotz schwerster Krisen immer wieder hat führen können. Dieses Bewußtsein und die Überzeugung von der weltgeschichtlichen Notwendigkeit des deutschen.
Kampfes gegen die bolschewistische Gefahr gibt dem AOK den inneren Rückhalt, alles zu tun, was in seiner Kraft steht, um auch diesmal des feindlichen Ansturms Herr zu werden.
Das AOK selbst hat alles getan, um die bestmögliche Organisation seiner Verteidigung sicherzustellen.
23.6.1944
KTB 9.Armee.
Während bei der 4. Armee die feindliche Offensive in vollem Umfang begonnen hat leitet der Gegner seinen Angriff auf die Front der 9.Armee mit starken Teilangriffen ein.
Ein in den Morgenstunden nach heftiger Art.-Vorbereitung von etwa 2 Btln. geführter Feindangriff im Abschnitt der 196.I.D. (XXXV. A.K.) wird in sofortigen Gegenstoß abgewiesen.
Das XXXXI.Pz.K.greift der Gegner, unterstützt von starken Art.= und Gr.W.=Feuerzusammenfassungen, mit Teilen von 8 Divisionen 25 mal in Stärke von 2 - 5 Bttn. auf etwa 40 km
Breite an; die Angriffsschwerpunkte liegen an den von Kobylschtschina nach Norden und Nordwesten führenden Straßen. Panzer sind nirgends beteiligt, die Infanterieangriffe gehen
jedoch erheblich über das Maß der üblichen Erkundungsvorstöße hinaus. Offenbar will der Gegner an schwachen Stellen Einbrüche erzielen, um aus ihnen dann mit seinen Hauptkräften
zum Durchbruchsangriff anzutreten. Es kommt zu harten Kämpfen, am Abend befindet sich jedoch die HKL bis auf zwei kleinere Einbruchsstellen, deren Bereinigung noch nicht
abgeschlossen ist, wieder fest in eigener Hand (Einzelheiten s.Anl.II und III).
Vom AOK werden, da die hinter der 35.I.D. stehenden Reserven eingesetzt werden mußten, im Hinblick auf die zu erwartende Fortsetzung des Angriffs beschleunigt Maßnahmen zur
Bildung neuer Reserven getroffen. Das LV.A.K. erhält Befehl, schnellstens ein Rgt. der 292.I.D. aus der Front herauszulösen, wozu ihm das Sich.Rgt.183 zugeführt und unterstellt
werden wird. Es ist beabsichtigt, das herausgelöste Rgt. in den Bereich, des XXXXI.Pz.K. zu verschieben (s.Anl.IV 4). Dorthin werden auch weitere Reserven näher herangezogen:
Das G.R.232 hinter die 129.I.D. (s.Anl.IV 1), das G.R.747 hinter die 35.I.D. (s.Anl.IV 2). Beide Regimenter werden noch in der Nacht in den neuen Bereitstellungsräumen eintreffen.
Ferner ist -in einem Planspiel mit dem Kdr. der 20.Pz.Div. und den Ersten Generalstabsoffizieren des XXXXI.Pz.K. und des XXXV. A.K.- die Einsatzplanung für die 20.Pz.Div.
besprochen und für die hauptsächlich, in Frage kommenden Fälle festgelegt worden.
Kurz nach Mitternacht beantragt das AOK unter nochmaligem Hinweis auf die außerordentlich starke feindliche Art.=Massierung beim XXXXI.Pz.K. die Zuführung weiterer Kräfte
(Chef/Ia H.Gr., l,05 Uhr 24.6.44). Dem Antrag, nach Möglichkeit Werfer zuzuführen, erklärt die Heeresgruppe nicht entsprechen zu können. über den zweiten Antrag, eine auf dem
Südflügel der 4.Armee stehende Stu.-Gesch.Brigade zum XXXXI.Pz.K. zu verschieben, ist eine Entscheidung vorläufig noch nicht zu erhalten. Dagegen genehmigt die Heeresgruppe,
daß die 2o.Pz.Div. ab 4 Uhr morgens marschbereit gehalten wird. (Befehl an 2O.Pz.Div.: Id/Ia 2o.Pz., 1,15 Uhr).
25.6.1944
KTB 9.Armee.
Während die 20.Pz.Div. in höchster Eile ihrem neuen Einsatzraum zustrebt, zerreißt die Front des XXXXI.Pz.K. unter dem pausenlosen Ansturm des Feindes, der nunmehr stärkste
Panzerkräfte -es sind mindestens 2 Panzerkorps anzunehmen - in den Kampf wirft. Einzelne Stützpunkte, die noch an der Bahn halten, werden nach kurzen, erbitterten Gefechten
zerschlagen oder Umgangen. Alle Hoffnung der Armee ruht nunmehr auf dem Angriff der 20.Pz.Div.
Endlich - es ist infolge erheblicher, durch starke Fliegerangriffe verursachter Marschverzögerungen früher Nachmittag geworden - tritt die Division nach kurzer Versammlung aus dem
Raum -westlich Paritschi zum Angriff mit dem Ziel Protassy an, um den Feind in die Flanke zu fallen und die durchgebrochenen Kräfte abzuschneiden, zum mindesten aber ihr weiteres
Vorgehen zu verzögern. Leider sind die Ausgangsstellungen -Brückenköpfe über einen panzerungangbaren Sumpftreifen- im Laufe des Vormittags verlorengegangen, sodass schon um die
Bereitstellungs= und Entwicklungsräume ein heftiger Kampf entbrennt, der bei geringen örtlichen Erfolgen nur langsam und wenig Boden . gewinnt. Ausholversuche stoßen auf Feind.
Dennoch besteht die Heeresgruppe nachdrücklich auf Fortsetzung des Angriffes, und auch das AOK kann sich unter den gegebenen Umständen der Richtigkeit dieser Forderung nicht
verschließen, da sonst ein völliger Zusammenbruch der Front des XXXXI.Pz.K. unvermeidlich wäre.
Leider lehnt die Heeresgruppe aus dem AOK unverständlichen Gründen eine Zurücknahme des linken Flügels des LV.A.K. ab, die das AOK jetzt für unbedingt notwendig hält, einerseits
um den Anschluß zu den zurückgeworfenen und bereits schwer angeschlagenen Teilen des XXXXI.Pz.K. aufrechtzuerhalten, andererseits um durch eine Zurücknahme der Pripjetfront neue
Kräfte zum Aufbau einer haftbaren neuen Front zu gewinnen (OB/FM, l5,50 Uhr).
Indessen dringen die feindlichen Angriffsspitzen pausenlos weiter nach Norden und Nordwesten vor. Die 129.I.D. wird in verlustreichen Kämpfen auf die Linie Kurin - Schkawa
Zurückgeworfen, die 35.I.D. mehrfach durchbrochen, ist mit namhaften Teilen eingeschlossen, und auch die 36.I.D. insbesondere an ihrem rechten Flügel scharf angegriffen, steht in
schwerstem Abwehrkampf.
Die Armee stemmt sich mit all ihrer Kraft gegen die Ausweitung des tiefen feindlichen Einbruches. Nachdem Versuche, das Vordringen des Gegners nach Nordwesten in möglichst weit
ostwärts gelegenen Linie (s.Anl.IV 1-2) abzufangen, im stürmischen Gang der Dinge von den Ereignissen überholt worden sind, noch ehe sie auch nur zu Teilen Tatsache werden konnte,
lauten die kurz nach Mitternacht gegebenen letzten Befehle des heutigen Tages dahin, daß das LV.A.K., dem die 129. und 35.I.D. unterstellt werden, den feindlichen Angriff in einer
möglichst ostwärts gelegenen Linie zwischen Kurin und Ratmirowitschi abfangen soll (s.Anl.IV 7). Die 36.I.D. erhält Befehl, sich auf eine Brückenkopfstellung um Paritschi
zurückzukämpfen (s.Anl.IV 3). Um den Feind, der in die jetzt schon etwa 40 km breite Durchbruchslücke unaufhaltsam weiter einströmt, in seinen beiden deutlich erkennbaren
Hauptstoßrichtungen aufzuhalten, wirft das AOK rasch zusammengeraffte Einheiten des Korück und der Teile der AWS an die Ptitsch=Übergänge südostw.Glusk (s.Anl.IV 4 und 9, ferner
Anl.VII 1-3) und gibt dem XXXV.A.K. auf, ein durch Artillerie, Sturmgeschütze und Pioniere verstärktes kampfkräftiges Batl. schnellstens in den Raum südwestl. Bobruisk zu stellen
(s.Anl.IV 5) -denn die Gefahr eines Feindstoßes auf Bobruisk und damit eines Abschneidens des gesamten XXXV. A.K. rückt nunmehr von Stunde zu Stunde mehr in bedrohliche Nähe.
Auch auf das XXXV. A.K. ist heute die Gewalt des feindlichen Großangriffes in einen gegenüber gestern noch gesteigertem Ausmaß hereingebrochen und es gelingt dem Gegner, der neue
Panzerkräfte in die Schlacht wirft, die Ostfront des Korps im Abschnitt der 296. und 134.I.D. weiter zurückzudrängen. Unter Einsatz der letzten Reserven vermag das Korps einen
Durchbruch zu verhindern, die Verbindung zur 4.Armee hat allerdings auch heute nicht wiederhergestellt werden können. Trotzdem muß der Tag angesichts der Tatsache, daß es gelungen
ist, die Korpsfront selbst geschlossen zu halten, als beachtlicher Abwehrerfolg gewertet werden . Davon zeugt auch die Höhe der erzielten. Panzerabschüsse. Die Kampfkraft der
Truppe hat allerdings schwer gelitten.
Die entscheidende Frage, vor die sich die Führung der Armee in diesen Stunden gestellt sieht, ist die der weiteren Kampfführung im großen. Die Heeresgruppe, immer wieder auf die
bedrohliche Lage der Armee hingewiesen, erklärt eine Zufuhr neuer Kräfte vorläufig für undurchführbar, allenfalls dürfe man mit einem verstärkten Einsatz eigener Luftwaffe rechnen.
(FM/OB, 22,10 Uhr). In mehreren Ferngesprächen bemühen sich deshalb OB und Armeechef um die Genehmigung zu der nach Ansicht des AOK einzig noch möglichen Lösung, die die Aussicht
auf eine rasche und nachhaltige Stabilisierung der Lage bieten würde: Die Zurücknahme des XXXV.A.K. in den Brückenkopf Bobruisk und hinter die Beresina (Chef/Chef H.Gr., 20,25 Uhr).
Dadurch allein würde die Armee Kräfte genug freibekommen, um wirklich etwas Nachhaltiges gegen den Feinddurchbruch beim XXXXI.Pz.K. zu unternehmen. Die Heeresgruppe lehnt jedoch
strikt ab, und auch die Bitte des Oberbefehlshabers, wenigstens
die Südfront des XXXV.A.K.auf eine halbwegs brauchbare ausgebaute Sehnenstellung zurücknehmen zu dürfen, wird vom Feldmarschall mit dem ausdrücklichen Befehl zurückgewiesen, die
alten Stellungen unter allen Umständen zu halten (FM/OB, 22,10 Uhr). Selbst die vom AOK vorgeschlagene wirtschaftliche Räumung von Bobruisk wird verboten (O. Qu./Chef, 12,25 Uhr).
Das AOK kann all diese Befehle, über deren verhängnisvolle Folgen es sich völlig im klaren ist, nur mit jenem Gehorsam hinnehmen, mit dem der Truppenführer nach verantwortlichem
Vortrag seiner Gegenansicht die Befehle seiner Vorgesetzten auszuführen hat, auch wenn sie seiner Überzeugung widersprechen. Bitter ist nur immer wieder das Gefühl, hinter diesen
den eigenen dringenden Vorstellungen so völlig unzulänglichen Kampfanweisungen der Heeresgruppe und den dazu vom Feldmarschall und Heeresgruppenchef gegebenen Begründungen (s.Anl.X,
im Auszug wiedergegeben in Anl.VIII 2-4) nicht einen zielbewußten, das äußerst mögliche anstrebenden Führerwillen erblicken zu können, sondern nur die Ausführung von Befehlen,
deren Voraussetzungen durch die Ereignisse längst überholt sind.
Der Angriff der 20.Pz.Div. hat auch in den Abendstunden keine nennenswerten Fortschritte gerecht. Im Einverständnis mit der Heeresgruppe ist befohlen, ihn die Nacht hindurch
fortzusetzen (OB/FM, 22,10 Uhr, Chef/Chef XXXXI., 23,l0 Uhr). Es geht hier auf Biegen oder Brechen.

 
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